Es gibt Männer, die man trifft.
Und es gibt Männer, die einen nie wieder loslassen, obwohl man sie nur drei Mal gesehen hat.
Ich nenne ihn nicht beim Namen.
Nicht, weil ich ihn schützen will – sondern weil ich nicht sicher bin, ob ich ihn überhaupt ganz besitze.
Denn was ist ein Mann, der sagt: „So weit sind wir noch nicht“, wenn man ihm einen Kuss auf die Wange gibt und schüchtern anmerkt, dass er einem ruhig mal auf den Hintern fassen dürfte?
Ist das Zurückhaltung?
Ist das Respekt?
Oder ist das einfach nur … männliche Unentschlossenheit in graumeliert?
Ich habe ihn beim Pfarrfest wiedergesehen.
Das klingt nach Pappbechern, Blaskapelle und Kirchturm-Klatsch.
Aber für mich war es ein Auftritt auf vertrautem Boden – in High Heels, als Frau, als Ich.
55 Jahre alt, aber in meinem Herzen ein Mix aus Frühling und Espresso.
Und da stand er.
Der Mann, der mich kennt – von früher.
Bevor ich Sarah wurde.
Bevor ich wusste, wer ich bin.
Und trotzdem hat er mich erkannt.
Nicht nur äußerlich.
Sondern irgendwie ganz.
Er sagte: „Wir müssen mal ein Kölsch trinken.“
Es dauerte über ein Jahr, bis es dazu kam.
Und dann vergingen sechs Stunden wie sechs Minuten.
Und plötzlich war da eine Frage, die keiner laut aussprach:
„Sind wir vielleicht zu spät für etwas, das sich zu früh anfühlt?“
Ich habe mich angemeldet zum Speed-Dating.
Kategorie: 55–70.
Nicht, weil ich auf der Suche bin.
Sondern weil ich wissen will, ob mich noch jemand sieht –
so wie er mich gesehen hat.
Vielleicht sogar besser.
Er wünscht mir „viel Spaß“.
Das kann alles heißen.
Oder nichts.
Vielleicht war es sein Test, mich loszulassen.
Vielleicht sein Schutzmechanismus.
Vielleicht seine Art zu sagen: „Ich kann dir das Tempo nicht bieten, das du brauchst.“
Ich will nicht verzweifeln.
Ich will nicht wieder die sein, die führt, erklärt, macht.
Ich will gesehen werden – nicht gemanagt.
Ich will, dass jemand weiß, dass Loyalität nicht bedeutet, immer zu bleiben,
sondern zu sagen, dass man gehen könnte – und es trotzdem nicht tut.
Also sitze ich jetzt hier.
Zwischen Pfarrfest und Speed-Dating.
Zwischen Erinnerung und Erwartung.
Und frage mich:
Was, wenn er der Mann ist, der mir fehlt – aber nicht der, der kommen kann?
Vielleicht ist das Leben manchmal ein Date, bei dem keiner zu spät kommt,
aber niemand den ersten Schritt macht.
Vielleicht braucht es keine Entscheidung, sondern ein nächstes Mal.
Oder ein letztes.
Und vielleicht ist er ja schon unterwegs –
mit neuen Gläsern für meine alte Brille.
