Kolumne aus 2025: Ehrenamt und andere Eide


Das Bild zeigt Sarah Mewes im Wind mit geschlossenen Augen und wehendem Haar. Sie trägt ein graues Shirt und ein schwarzes Halsband mit silbernem O-Ring. Unter dem runden Porträt steht in großen weißen Buchstaben auf schwarzem Hintergrund: „SARAH CRUMLEY KOLUMNE“.

Es gibt Tage, da möchte ich einfach nur aufhören.
Nicht, weil ich müde bin.
Nicht, weil ich das Falsche tue.
Sondern, weil ich das Richtige tue – und trotzdem in Frage gestellt werde.
Von anderen. Von mir. Vom System. Vom Wetter.

Ich bin in verschiedenen Organisationen ehrenamtlich tätig.
Weil ich nichts habe, worauf ich meine Fürsorge delegieren kann – keine Katze, keinen Hund, keinen Ehemann, keine Enkel.
Und weil ich glaube, dass freie Zeit nicht gleich leere Zeit ist.
Also füllt sich meine Agenda mit dem, was mir wichtig ist:
Sinn, Struktur, Verantwortung.

Aber wie das so ist: Ich kann nie einfach nur Mitglied sein.
Ich muss immer gleich irgendwo reinrutschen.
Erst Ausschuss. Dann Leitung. Dann Verantwortung.

So bin ich heute Division Directorin bei den Toastmasters.
Zuständig für eine Fläche, auf der normalerweise Ministerpräsident:innen regieren:
Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, Niedersachsen, NRW.
Und ja – ich habe mich beworben.
Mit Gespräch. Mit Auswahlprozess.
Wobei ich natürlich auch meine Visionen für das kommende Amtsjahr als Division Directorin präsentieren musste.
Ich wollte das.
Und trotzdem höre ich innerlich Helmut Schmidt sagen:

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“

Und ich denke: Danke, Helmut. Aber ich bleibe trotzdem.
Auch wenn es manchmal weh tut.


Parallel dazu:
Seit dem 1. Juni arbeite ich auch offiziell für den BesD e.V. – den Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen.
Was ich vier Jahre ehrenamtlich aufgebaut habe, mache ich nun bezahlt.
Also: halb bezahlt. Zehn Stunden pro Woche.
Dafür trage ich intern die Verantwortung als Arbeitgeberin –
und extern die Stimme für unsere Mitglieder, wenn es arbeitsrechtlich kracht.

Manche würden sagen: „Na dann kündige halt, wenn’s zu viel wird.“
Aber so funktioniert mein Kompass nicht.


Ich war fünf Jahre Zeitsoldatin.
Ich habe einen Eid geschworen.
Und das ist kein metaphorisches Bild.
Das ist der offizielle Eid für Berufssoldatinnen der Bundeswehr:

„Ich schwöre, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen, so wahr mir Gott helfe.“

Für mich bedeutete das – und bedeutet es noch heute:

Wenn die Kanzlerin sagt: Du gehst da hin, dann gehst du da hin.
Ich habe das nie hinterfragt.
Nicht aus Blindheit.
Sondern aus Verpflichtung.


Und genau das fehlt mir heute so oft.
In Vorständen. In Vereinen. In Teams.
Das Bleiben, wenn’s ungemütlich wird.
Die Verantwortung, nicht nur zu übernehmen, sondern auch zu tragen.

Ich finde, man tritt nicht einfach zurück, wenn es schwierig wird.
Nicht, wenn man gerade gebraucht wird.
Und schon gar nicht, wenn man sich selbst für diese Aufgabe beworben hat.

Klar – im Ehrenamt ist die Kündigungsfrist: eine Sekunde.
Die moralische Rückfrage: keiner.
Aber das bedeutet auch:

Du überlässt die Arbeit, die du selbst angefangen hast, einfach jemand anderem.
Obwohl du angetreten bist, genau dabei zu helfen.


Ich sage:
Ich werde nicht zurückweichen.
Ich werde meinen Auftrag erfüllen.
Und wenn meine Aufgabe erledigt ist,
dann werde ich sagen: Jetzt reicht’s.
Aber nicht mittendrin.
Nicht, wenn es brennt.
Nicht, wenn andere wegrennen.

Vielleicht liest das ja jemand, der gerade selbst überlegt, sein Ehrenamt hinzuschmeißen.
Ich wünsche dir Mut.
Ich wünsche dir Rückgrat.
Und ich wünsche dir die Kraft,
nicht nur den Husten zu bemerken –
sondern vielleicht auch mal jemandem eine Notfalltablette zu reichen.

Sarah Crumley,
Division Directorin, Arbeitgeberin, Ehrenamtlerin,
und zu allem entschlossen – nur nicht zur Flucht.


Update: Ich arbeite nicht mehr für den BesD e.V. Schon seit Ende 2025 nicht mehr. Aber der Vollständigkeit siehst Du oberen Text unverändert.


Entdecke mehr von „Sarahs Welt der Begegnungen“

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.