Kolumne aus 2025: Nichts tun. Können wir das überhaupt?


Sarah Mewes steht vor beigem Hintergrund und blickt direkt in die Kamera. Sie trägt eine schwarze Brille, ein schwarzes Lederhalsband mit silbernem O-Ring, eine Jeansjacke und ein graues Shirt. Unterhalb ihres Oberkörpers steht in großen Buchstaben: „Sarah Crumley Kolumne“.

Heute ist ein Sonntag.
Und mein Kalender ist leer.
Vollkommen leer. Kein Zoom-Meeting, kein Ehrenamt, kein Event, keine Verpflichtung, nicht mal ein Kaffee-Date, das ich vergessen haben könnte.

Ein freier Tag.
Ein Geschenk?
Oder eine Zumutung?

Ich bin es nicht gewohnt, nichts zu tun.
Ich bin das Gegenteil eines Zen-Buddhisten –
eine Frau mit zwei Kalendern, drei E-Mail-Postfächern und mindestens vier inneren Stimmen, die ständig was wollen.

Und heute?
Sagen sie alle: nichts.


Natürlich hätte ich was tun können.
Köln ist voller kleiner Festivals, Veranstaltungen, Kulturkram.
Ich hätte mich rausputzen, aufpimpen, unter Leute werfen können.
Aber ich habe mich dagegen entschieden.

Ich habe mich entschieden, nichts zu tun.
Ein Satz, den man sich erstmal trauen muss.


Denn was ist das eigentlich: Nichts?

Ist es auf dem Sofa liegen und Netflix leer schauen?
Ist es in die Badewanne steigen, als wäre das ein Sakrament der Selbstvergebung?
Ist es Wäsche waschen, aber ohne Notwendigkeit – aus reiner Prokrastination heraus?

Oder ist es das, was Männer manchmal angeblich können:
An nichts denken.

Ich weiß nicht, ob das stimmt.
Ich kenne keinen Beweis dafür, dass echte Stille im Kopf möglich ist –
schon gar nicht in weiblichen Gehirnen, die gleichzeitig den Müllplan, die To-do-Liste, das Körperbild und das letzte Gespräch mit der Zahnärztin verwalten.


Vielleicht schreibe ich diese Kolumne auch nur,
weil ich das Nichtstun nicht aushalte.
Weil ich lieber einen Text produziere,
als zu merken, dass mir langweilig ist.

Und dabei ist Langeweile vielleicht das, was mir fehlt.
Nicht als Defizit, sondern als Lücke, durch die Neues entsteht.
Ich erinnere mich an meine Kindheit.
Wie ich durch die Wohnung lief und zu meiner Mutter sagte:

„Mir ist langweilig.“
Und sie sagte – nichts.
Sie ließ mich mit meiner Leere allein.
Ich musste etwas daraus machen.


Heute machen wir nichts mehr daraus.
Heute überdecken wir die Leere mit Geräusch.
Mit Streamingdiensten, Dauerbeschallung, sinnloser Bewegung.
Viele Menschen halten die Stille nicht aus.
Ich kenne sie. Ich war mal mit ihnen verheiratet.

Und ich frage mich:
Wann genau ist das Nichtstun eigentlich vorbei?
Wenn ich schlafen gehe?
Wenn ich mich ablenken lasse?
Wenn ich diesen Text absende?

Oder vielleicht erst dann, wenn ich aufhöre, das Nichts zu fürchten?


Ich weiß es nicht.
Aber ich weiß, dass ich es lernen möchte:
nicht zu leisten, nicht zu optimieren, nicht zu kontrollieren.
Sondern einfach mal sein.

Nicht perfekt.
Nicht produktiv.
Nur da.
Nur ich.
Sarah Crumley.
Die Frau, die heute nichts getan hat –
außer diese Kolumne zu schreiben.

Und das war, ehrlich gesagt, gar nicht so wenig.


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