Kolumne aus 2025: „Ich bin nicht queer. Ich bin Sarah.“


Das Bild zeigt Sarah Mewes im Wind mit geschlossenen Augen und wehendem Haar. Sie trägt ein graues Shirt und ein schwarzes Halsband mit silbernem O-Ring. Unter dem runden Porträt steht in großen weißen Buchstaben auf schwarzem Hintergrund: „SARAH CRUMLEY KOLUMNE“.

Manchmal reise ich durch die Republik, und am vergangenen Wochenende war ich in Hamburg. Offiziell, um beim Club Officer Training der Toastmasters dabei zu sein – ein wichtiger Termin für mich als Division Director. Inoffiziell wurde es zu einem Wochenende, das mich mehr beschäftigt hat, als es jede Agenda jemals könnte.

Meine ursprüngliche Unterkunft war mir kurzfristig abhandengekommen, und so nahm mich eine Freundin bei sich auf – eine, die mich schon lange kennt, noch aus der Zeit vor meiner Transition. Wir sind uns vertraut. Sie lebt als trans Frau, nicht im Verborgenen, sondern sichtbar, bewusst, politisch. An diesem Wochenende waren alle im Raum trans – vielleicht auch der Grund, warum wir so offen reden konnten.

Es wurde ein langes, intensives Gespräch. Nicht aus dem Schlafzimmer heraus, sondern am Küchentisch, zwischen Kaffeetassen und dem leisen Summen des Kühlschranks. Wir sprachen über vieles – und irgendwann, natürlich, über das große Thema: Trans-Sein in dieser Gesellschaft. Ich sagte, fast nebenbei: „Ach, ich transitioniere doch einfach still und leise vor mich hin.“ Sie schüttelte den Kopf, halb lächelnd, halb ernst: „Das tust du nicht. Du schreibst einen Blog, du hältst Reden, du stehst auf Bühnen. Deine Existenz ist öffentlich. Du bist sichtbar. Und damit bist du politisch.“

Ich wollte protestieren – aber sie führte weiter aus. Dass Menschen wie JK Rowling, TERFs, politische Strömungen mich betreffen, auch wenn ich mich gern heraushalten würde. Weil allein meine Existenz für andere ein Politikum ist, ein Reibungspunkt. Ich hätte gern gesagt, dass ich das anders sehe. Aber sie hatte einen Punkt.

Ich bekomme diese Rolle nicht, weil ich sie will, sondern weil Gesellschaft Menschen einordnet, Schubladen baut und Etiketten verteilt – und das Urteil gleich mitliefert. Ich bin eine trans Frau auf einer Bühne. Ob ich will oder nicht, werde ich gelesen, bewertet, eingeordnet.

Ich sagte irgendwann: „Ich bin nicht queer im klassischen Sinne. Ich bin binär. Schrecklich binär sogar.“ Sie widersprach. Allein mein Transsein mache mich queer – „abweichend von der Norm“. Nicht queer als Modebegriff, sondern in der ursprünglichen Bedeutung: nicht so, wie die Mehrheit. Sie erklärte mir FLINTA – Frauen, Lesben, Inter, Nicht-binäre, Trans und Agender – und dass ich, ob ich mich dort verorte oder nicht, von außen ohnehin dazugehöre.

Später meinte sie, vielleicht solle ich einmal eine Selbsthilfegruppe besuchen. Nicht, weil ich sie bräuchte, sondern um andere Perspektiven kennenzulernen. Sie warnte mich gleichzeitig: Solche Gruppen können auch gefährlich sein – mit unausgesprochenem Gruppenzwang, Gatekeeping, engen Definitionen von „echtem“ Transsein. Für sie war es nur ein Hinweis, kein Drängen.

Ich habe ihr erzählt, dass ich Glück hatte. Wirklich Glück. Keine Angriffe auf der Straße. Keine Demütigungen in Ämtern. Meine Gutachten fürs Gericht liefen glimpflich. Sie nickte – und erinnerte mich daran, dass das keine Garantie ist. Dass das Risiko bleibt. Jeden Tag, an dem ich das Haus verlasse.

Wir sprachen auch darüber, wie sehr sich unsere Welten unterscheiden. Für mich ist „trans“ kein Wesenskern. Für sie ist das nicht Ablehnung, sondern ein Teil, der selbstverständlich mitschwingt. Sie sieht, wie die Gesellschaft diesen Teil immer wieder herausgreift, auch wenn wir selbst ihn nicht in den Mittelpunkt stellen. Wir nannten es „Streit“, aber es war keiner – es war ein Austausch. Keine erhobenen Stimmen, nur gespitzte Ohren.

Am Ende stand da kein Einverständnis, sondern Respekt. Wir waren uns einig, dass beide Wege richtig sind – ihr offener, kämpferischer und mein ruhiger, zurückhaltender. Sie wollte mir vor allem einen Perspektivwechsel geben: dass es nicht immer reicht, die Augen zu schließen, wenn die Straße vor einem dunkel ist. Besser, das Licht anzumachen und bewusst zu gehen.

Ich nahm für mich mit, meine Positionen öfter zu hinterfragen. Nicht, weil sie falsch wären, sondern weil sie nur eine von vielen Perspektiven sind. Und ja – Dinge wie die Worte einer JK Rowling betreffen mich. Vielleicht nicht direkt, aber indirekt, weil sie andere beeinflussen, die mir begegnen werden.

Ich war in Hamburg, weil ich Toastmaster bin. Ich blieb, weil ich Mensch bin. Und weil ich glaube, dass Gespräche, die ein bisschen wehtun, oft die besseren sind.

Nie wieder Flixtrain.


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