Kolumne aus 2025: Homeoffice: Eine Laudatio auf den Arbeitsplatz, der keiner ist.


Sarah Mewes steht vor beigem Hintergrund und blickt direkt in die Kamera. Sie trägt eine schwarze Brille, ein schwarzes Lederhalsband mit silbernem O-Ring, eine Jeansjacke und ein graues Shirt. Unterhalb ihres Oberkörpers steht in großen Buchstaben: „Sarah Crumley Kolumne“.

Ich bin eine Gewinnerin der Pandemie. Das klingt vielleicht komisch in einer Zeit, in der viele Menschen nur an Verlust, Einschränkung und Angst zurückdenken wollen. Aber für mich, als 3rd-Level-Administratorin, war das Homeoffice nicht nur eine Notlösung, sondern eine Offenbarung.

Ich betreue Windows-Systeme. Nicht die Drucker, die zucken, nicht die Mäuse, die durchbrennen, nicht die Tastaturen, die kleben. Das wäre der 1st Level. Auch nicht die Programme, die mal wieder abgestürzt sind. Das macht der 2nd Level. Ich kümmere mich um das Fundament: um Server, um Netzwerke, um die Strukturen, auf denen andere ihre Arbeit überhaupt erst erledigen können. Und für diese Art von Tätigkeit braucht es keinen festen Platz im Büro. Was ich brauche, ist Konzentration, Ruhe, eine gute Tasse Kaffee und im Zweifel eine Schachtel Zigaretten. Mehr nicht.

Als 2020 plötzlich alle nach Hause geschickt wurden, war ich bereit. Ein Notebook, ein VPN, ein paar Zugänge – und ich konnte loslegen. Viele Kolleg:innen, in vielen Branchen, haben dasselbe erlebt: Plötzlich wurde möglich, was man vorher für unmöglich erklärt hatte. Homeoffice funktionierte. Und nicht nur das: es funktionierte oft besser als die alten Bürokonstrukte. Auch für mich. Ich habe selten so produktiv gearbeitet wie in den Jahren 2020 bis 2023. Ohne das ständige „Hast du mal kurz …?“ am Schreibtisch. Ohne das Klingeln des Festnetztelefons, das immer zur falschen Zeit kam. Ich hatte Zeit für meine Arbeit. Und ja, ich musste meinen Kaffee selbst kochen – aber dafür konnte ich am Schreibtisch rauchen. Ich war glücklich.

Das Büro als Mythos

Viele Menschen erzählten mir damals, sie vermissten das Büro. Den Plausch in der Küche, das gemeinsame Mittagessen, die kleinen sozialen Geflechte, die entstehen, wenn man acht Stunden am Tag in denselben Räumen sitzt. Ich konnte das nachvollziehen, aber für mich war es irrelevant. Ich gehe nicht arbeiten, um Freundschaften zu schließen. Ich gehe arbeiten, um zu arbeiten.

Natürlich gab es auch bei mir Meetings – aber während der Pandemie waren sie online, komprimiert, effizienter. Und als die Welt sich wieder öffnete, hatte ich einen Arbeitgeber, der einen Mittelweg fand: vier Tage Homeoffice, ein Tag Büro. Am Mittwoch kam das ganze Team zusammen, man tauschte sich aus, ging mittags gemeinsam essen, manchmal wurde gegrillt. Für mich war das perfekt: soziale Begegnung, ja, aber in Maßen. Kein tägliches Pendeln, keine verschwendeten Stunden auf der Autobahn. Der Wecker klingelte um sechs, um halb sieben war ich am Arbeitsplatz. Keine Fahrtzeit, keine verlorene Lebenszeit.

Die Rückkehr ins Büro

Und doch spüre ich, dass sich etwas verändert. Immer mehr Arbeitgeber:innen wollen die Menschen zurückholen. Zwei Tage Homeoffice, drei Tage Büro – so liest man es in unzähligen Stellenausschreibungen. Manche bestehen sogar auf Vollpräsenz, als wäre die Pandemie nie passiert.

Ich frage mich: Warum?

Die offizielle Begründung lautet oft: Fairness. Schließlich gibt es Menschen, die nicht remote arbeiten können – am Fließband, in der Pflege, im Einzelhandel. Und um diese Ungleichheit auszugleichen, sollen auch Büromenschen wieder öfter vor Ort erscheinen. Aber was für ein merkwürdiges Verständnis von Gleichbehandlung ist das? Ich, die mit den Menschen in der Produktion ohnehin kaum Berührung habe, soll also ins Büro gezwungen werden, nur weil deren Arbeit nicht anders geht? Ist es nicht sinnvoller, innerhalb einer Organisation zu fragen: Wer möchte zu Hause arbeiten? Wer möchte ins Büro? Und die Teams so zu gestalten, dass beides Platz hat? Ein Präsenztag im Monat für alle Online-Arbeitenden – und gut ist.

Digital predigen, analog handeln

Besonders absurd finde ich diese Rückwärtsbewegung in der IT-Branche. Systemhäuser, die ihren Kund:innen stolz erzählen, wie sie die Digitalisierung voranbringen – und gleichzeitig nicht in der Lage sind, ihre eigenen Prozesse zu digitalisieren. Ich erinnere mich an mein schönstes Onboarding während der Pandemie: ein Kollege, ein Zoom-Zugang, zwei Wochen gemeinsames Arbeiten über geteilte Bildschirme. Nach einer Woche konnte ich alleine loslaufen. Fragen stellte ich weiterhin digital, wenn sie auftauchten. Es war effizient, praxisnah und absolut reibungslos.

Und dann sehe ich Firmen, die im Jahr 2025 behaupten, so etwas sei unmöglich. Dass man neue Kolleg:innen unbedingt zwei Wochen ins Büro holen müsse, um sie „wirklich“ einzuarbeiten. Da frage ich mich: Verkaufen die da eigentlich an die Kund:innen ein Produkt, an das sie selbst gar nicht glauben?

Ghosting und Bewerbungsroulette

Natürlich gehört zur Arbeitswelt mehr als nur der Arbeitsplatz. Da ist auch der Bewerbungsprozess, der sich in den letzten Jahren verändert hat – und nicht zum Besseren. „Einfach bewerben“ auf LinkedIn klingt großartig, bis man merkt, dass auf eine Stelle, die gerade mal sechs Stunden online ist, schon über hundert Bewerbungen eingegangen sind. Lebensläufe werden durch Algorithmen gefiltert, Recruiter:innen kommen kaum hinterher. Am Ende wird man geghostet.

Manchmal habe ich das Gefühl, es gibt Fake-Ausschreibungen, die nur Daten sammeln sollen. Oder Unternehmen, die so viele Anforderungen stapeln, dass die perfekte Person schlicht nicht existiert. Gleichzeitig sitzen wir Bewerber:innen da und wissen: Wir sind gefragt. Aber wir sind auch austauschbar. Ein Spiel aus Angebot und Nachfrage, bei dem Loyalität selten belohnt wird.

Meine Loyalität

Dabei bin ich loyal. Ich bin keine Arbeitgeberhopperin. Ich gehe nicht für ein paar Euro mehr sofort weiter. Ich wünsche mir einen Arbeitgeber, bei dem ich die letzten zwölf Jahre meines Berufslebens bleiben kann. Stabilität, Vernunft, gute Bedingungen – mehr will ich nicht.

Und wenn ich diese Bedingungen habe, dann bin ich auch bereit, in schwierigen Zeiten die Arschbacken zusammenzukneifen. Dann arbeite ich durch, wenn es sein muss. Denn mit mir verdient kein Unternehmen Geld – das tun die, die auf meinen Systemen arbeiten. Aber damit sie arbeiten können, muss ich zuverlässig sein. Das ist mein Kompass.

Eine Laudatio auf das Homeoffice

Am Ende bleibt für mich der Kern: Das Homeoffice ist kein Luxus, es ist ein Arbeitsmodell, das funktioniert. Für viele von uns ist es sogar das bessere Modell. Es spart Zeit, es spart Nerven, es schafft Produktivität. Und ja, es erfordert Vertrauen, Selbstorganisation und manchmal auch Disziplin. Aber es ist ein Gewinn – für mich, für viele, für die Gesellschaft.

Darum schreibe ich diese Kolumne als Laudatio auf das Homeoffice. Nicht, weil es perfekt wäre. Sondern weil es zeigt, wie Arbeit sein kann, wenn wir bereit sind, alte Gewissheiten loszulassen. Ich lade alle ein, die hier lesen: Überlegt euch, was euch wirklich wichtig ist an eurem Arbeitsplatz. Ist es der Plausch in der Küche? Ist es die Präsenz der Kolleg:innen? Oder ist es die Freiheit, selbst zu entscheiden, wie ihr am besten arbeitet?

Ich habe meine Antwort längst gefunden.


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