Kolumne aus 2025: Prolog – RB 26 – 4 – 145 – 148 – Epilog


Das Bild zeigt Sarah Mewes im Wind mit geschlossenen Augen und wehendem Haar. Sie trägt ein graues Shirt und ein schwarzes Halsband mit silbernem O-Ring. Unter dem runden Porträt steht in großen weißen Buchstaben auf schwarzem Hintergrund: „SARAH CRUMLEY KOLUMNE“.

Prolog

Es war nur ein kurzer Moment, vielleicht dreißig Sekunden. Ich stand im Bonner Hauptbahnhof, kaufte mir zwei Mettbrötchen, und plötzlich wurde ich angesprochen. Ein Mann fragte mich, was mein Halsband bedeute. Nicht aggressiv, nicht anzüglich, einfach neugierig.

Ich erklärte ihm, dass es in meinem Fall – wie auch in einigen anderen – ein äußeres Zeichen einer inneren Veranlagung sei. Ein Symbol, das in der BDSM-Welt meist Unterwürfigkeit signalisiert. Und als er fragte: „Also gehören Sie jemandem?“, antwortete ich schlicht: „Nein, im Moment nicht. Aber das ändert nichts daran, dass ich es trage.“ Damit war das Gespräch beendet. Doch in meinem Kopf begann es da erst.


RB 26

Auf der ganzen Heimfahrt dachte ich darüber nach, was ich eigentlich noch alles hätte sagen wollen. Dass ein Halsband eben nicht bloß Schmuck ist, nicht bloß ein Modeaccessoire, das junge Frauen wie einen Choker umlegen, weil es hübsch aussieht. Für manche ist es genau das. Für mich ist es etwas anderes.

Zeichen sind mehrdeutig. Manche tragen ein Halsband, ohne je von BDSM gehört zu haben. Andere wissen mit 16 über TikTok mehr darüber, als ich mit 30 wusste. Menschen sind verschieden: Die einen entdecken Sexualität langsam und vorsichtig, die anderen stürzen sich früh ins Abenteuer. Es ist nicht gut oder schlecht, es ist einfach menschlich.


4

Und dann gibt es die Symbole, die auch in der Szene selbst nicht eindeutig sind. Ein Halsband kann Unterwerfung bedeuten – oder auch Dominanz. Ich kenne dominante Frauen, die eines tragen, einfach weil es ihnen gefällt, weil es für sie mit Macht verbunden ist. Für mich ist es das Gegenteil: ein stilles Zeichen der Hingabe.

Doch wer kann das von außen schon wissen? Wer hat die Deutungshoheit über ein Symbol? Vielleicht ist genau das der Punkt: Es gibt keine absolute Lesart. Alles ist subjektiv, alles ist durchzogen von persönlicher Erfahrung und individueller Wahrheit.


145

Ich trage auch den Ring der O. An meiner rechten Hand – meiner Schlaghand. Würde ich dominant leben, hätte ich ihn an der linken Hand. So sagen es manche Codes. Aber was wäre, wenn ich Linkshänderin wäre? Würde das alles nicht sofort ins Gegenteil kippen?

Das zeigt mir: Selbst innerhalb der klaren Symbole gibt es Brüche, Ausnahmen, Irritationen. Es gibt Konventionen, ja. Aber keine starre Wahrheit. Am Ende trägt jede:r die Zeichen so, wie sie für das eigene Leben Sinn ergeben.


148

BDSM lässt sich nicht auf Bücher und Codes reduzieren. Man kann die Theorien kennen, die Unterschiede zwischen Sadismus und Masochismus, zwischen Dominanz und Submission. Aber das sagt nichts über das Erleben.

Ein Sadist kann submissiv sein. Ein Masochist kann dominant sein. Man kann Bondage lieben und Schläge verabscheuen. Man kann sich frei fühlen, wenn man wehrlos ist – oder genau dann Angst bekommen. Das ist nicht widersprüchlich. Das ist menschlich.

Theorie bleibt Theorie. Erst im Erleben entfaltet sich, was BDSM für jede:n Einzelne:n bedeutet.


Epilog

Ein Halsband. Ein Ring. Ein Zeichen. Nichts davon spricht für sich selbst. Alles davon spricht erst durch den Menschen, der es trägt.

Vielleicht hätte ich das dem Mann im Bonner Hauptbahnhof sagen sollen. Aber manchmal passen dreißig Sekunden nicht, um die Welt zu erklären. Manchmal reicht es, zu wissen: Ich trage dieses Halsband nicht für andere. Ich trage es für mich.


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