Kolumne: Das Schweigen vor dem Sturm


Sarah Mewes lächelt freundlich in die Kamera. Sie hat langes schwarzes Haar, trägt eine schwarze Brille und ein schwarzes Lederchokerhalsband mit silbernem O-Ring sowie eine cremefarbene Bluse. Der Hintergrund ist warm-beige. Am unteren Bildrand steht in weißer Schrift auf dunklem Balken: „SARAH CRUMLEY KOLUMNE 2026".

Es gibt Momente, in denen ich die Nachrichten aufmache und danach einfach eine Weile stillsitzen muss.

Nicht weil ich nichts zu sagen hätte. Sondern weil mir die Worte fehlen – nicht aus Sprachlosigkeit, sondern aus einer tiefen, lähmenden Erschöpfung. Die Art von Erschöpfung, die entsteht, wenn man zusieht, wie etwas passiert, das man nicht aufhalten kann. Wie ein Zug, der auf ein Hindernis zurast, während alle im Speisewagen noch Kaffee trinken.

Was gerade in den USA geschieht, lässt mich nicht los.

Ich bin kein Mensch, der schnell Panik schiebt. Ich glaube an Nuancen, an Zusammenhänge, an das Gute im Menschen – auch wenn ich manchmal lange suchen muss, um es zu finden. Aber was ich seit Monaten beobachte, geht über politische Meinungsverschiedenheiten hinaus. Es geht um Grundrechte. Um die Frage, wer in diesem Land als Mensch gilt – und wessen Stimme zählen darf. Und um die erschreckend leise Antwort, die eine Regierung darauf gibt.

Frauen werden zurückgedrängt. Nicht subtil, nicht schrittweise – sondern mit einer Verve, die mich fassungslos macht. Menschen, die ohnehin schon am Rand stehen, werden mit einer Kälte behandelt, die sich anfühlt wie eine politische Ansage: Ihr gehört nicht dazu.

Und dann sind da die Bilder, die ich nicht aus dem Kopf bekomme. Uniformierte Beamt:innen auf den Straßen – nicht um Frieden zu wahren, sondern um Angst zu verbreiten. Razzien in Städten, in denen demokratisch gewählte Regierungen sitzen. Willkürliche Verhaftungen. Menschen, die ihren Alltag leben und plötzlich nicht mehr sicher sind – nicht weil sie etwas getan haben, sondern weil sie aussehen wie jemand, der nach der Logik dieser Regierung nicht dazugehört. Die Übergriffe treffen überproportional People of Color. Das ist kein Zufall. Das ist Methode.

Was dabei auffällt – und was mich mit einer besonderen Kälte erfüllt – ist das Muster: Diese Operationen finden fast ausschließlich in demokratisch regierten Bundesstaaten statt. Dort, wo republikanische Gouverneur:innen regieren, herrscht merkwürdige Stille. Als wäre die Macht des Staates nicht für alle gedacht, sondern nur als Instrument gegen jene, die politisch nicht auf Linie sind.

Und dann ist da der SAVE America Act.

Der vollständige Name lautet Safeguard American Voter Eligibility Act – und der Titel ist, wie so vieles gerade, eine Lüge in Schönschrift. Denn dieser Gesetzentwurf soll nicht die Wahl schützen. Er soll sie beschneiden. Der Entwurf wurde vom Repräsentantenhaus verabschiedet und liegt derzeit im Senat – wo er bislang am Filibuster scheitert, also an der Regelung, dass für eine Abstimmung 60 von 100 Senator:innen zustimmen müssen. Dass ausgerechnet dieser demokratische Schutzmechanismus die letzte Hürde ist, sagt einiges.

Was sieht das Gesetz vor? Im Kern: Wer an einer Bundeswahl teilnehmen möchte, muss bei der Registrierung einen Staatsangehörigkeitsnachweis vorlegen – persönlich, mit Pass oder Geburtsurkunde. Klingt vernünftig? Ist es nicht. Denn rund 21 Millionen US-Bürger:innen haben keinen schnellen Zugang zu solchen Dokumenten. Arme Menschen, ältere Menschen, People of Color – und trans Menschen.

Ich gestehe: Als ich das las, habe ich einen Moment lang an mich selbst gedacht. Ich habe einen deutschen Pass. Ich habe eine Geburtsurkunde. Beide weisen mich als Frau aus – weil ich eine Frau bin. Wäre ich US-Bürgerin, könnte ich nach der Logik dieses Gesetzes wählen gehen. Ich hätte die Dokumente.

Und trotzdem werde ich keinen Fuß auf amerikanischen Boden setzen.

Nicht weil meine Dokumente falsch wären. Sondern weil es in den USA gerade eine Bundesregierung gibt, die per Exekutivorder festgelegt hat, dass Geschlecht biologisch und unveränderlich sei – definiert durch die Geburt. Meine Dokumente sagen, ich bin eine Frau. Die aktuelle US-Bundesregierung würde das als Betrug betrachten. Nicht als Identität. Nicht als Realität. Als Betrug.

Das betrifft nicht alle trans Frauen gleich. Wer unauffällig durch die Welt geht, wer nicht als trans erkannt wird – die Person mag vielleicht unbehelligt bleiben. Aber das ist keine Garantie, die ich möchte. Und es ist vor allem keine Garantie, auf die trans Menschen angewiesen sein sollten, um sicher zu sein. Die Idee, dass man gut genug passen muss, um nicht an einer Grenze aufgehalten, verhört oder schlimmstenfalls deportiert zu werden – sie ist so tief menschenunwürdig, dass ich kaum Worte dafür finde.

Was diese Regierung gerade tut, ist trans Menschen durch Bundesrecht zu Betrüger:innen zu erklären. Nicht durch ein Gesetz, das offen so heißt. Sondern durch die stille, systematische Umdeutung von Realität – durch Exekutivorder, durch Behördenanweisung, durch die Normalisierung eines Blickes auf Menschen, der sie auf ihre Geburt reduziert und alles andere für ungültig erklärt.

Ich höre manchmal, wie Menschen nach historischen Vergleichen suchen. Und ich verstehe den Impuls – wir wollen begreifen, was wir sehen. Aber ich möchte vorsichtig sein, denn Vergleiche können verharmlosen, wenn man nicht genau hinschaut.

Die SS war der ideologisch gefestigte, bürokratisch organisierte Terrorapparat des Dritten Reichs. Sie war verantwortlich für die Vernichtungslager, für die systematische Ermordung von Millionen Menschen. Sie war das Ende einer langen Eskalation – nicht ihr Beginn.

Die SA war etwas anderes: Sie war das Instrument der Straße. Schlägertrupps, die Gegner:innen einschüchterten, Versammlungen sprengten, Menschen auf offener Straße zusammenschlugen – mit stillschweigender Duldung von oben. Sie operierte im Halbdunkel der frühen Machtübernahme, laut und brutal. Sie war nicht das Ende. Sie war der Anfang.

Wenn ich heute sehe, wie bewaffnete Regierungsbeamt:innen durch Städte ziehen, Menschen aufgreifen, Familien auseinanderreißen – gezielt in Bundesstaaten, die nicht auf Regierungskurs liegen – dann denke ich nicht an die SS. Ich denke an das, was der SA vorausgegangen ist. An die Logik der Einschüchterung. An die Normalisierung von Gewalt als politisches Werkzeug. Und das allein sollte uns alle aufhorchen lassen.

Die Menschen in den USA werden das selbst in die Hand nehmen müssen. Ich glaube daran – ich muss daran glauben. Die Kraft dazu ist da. Die Frage ist, ob sie sich rechtzeitig zusammenfindet, bevor aus dem Schweigen vor dem Sturm der Sturm selbst wird.

Was bleibt, ist dieses dumpfe Gewicht in der Brust. Die Mischung aus Hilflosigkeit und dem unbedingten Wunsch, wenigstens die eigene Stimme zu erheben – auch wenn man nicht weiß, ob sie jemanden erreicht.

Schweigen ist keine Option. Auch wenn die Worte manchmal erst nach langem Stillsitzen kommen.


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