Die Geliebte – Vor dem ersten Date ist alles aus Glas


Sarah Mewes spielt einen schwarzen Flügel bei Kerzenlicht, trägt ein burgunderfarbenes Samtkleid und schwarze Brille, expressionistischer Farbhintergrund in Rot und Orange.

Es gibt Texte, die schreibt man irgendwann und legt sie weg.

Nicht, weil sie fertig wären. Nicht einmal, weil sie unwichtig wären. Sondern weil sie zu einem Zeitpunkt entstehen, an dem sie vielleicht wahr sind, aber noch keinen Ort haben. Sie liegen dann in irgendeiner inneren Schublade, zwischen alten Gedanken, halbfertigen Melodien und Sätzen, die man nicht ganz loswird.

Mein Song „Vor dem ersten Date“ war so ein Text.

Ich habe damals am Klavier herumprobiert. Ein paar Akkorde, eine Stimmung, ein Anfang. Dazu kamen Zeilen, die sich erst wie eine kleine Szene anfühlten: eine Frau in ihrem Zimmer, ein Kleid auf einem Stuhl, ein Abend, der noch nichts entschieden hat. Musik und Text stammen von mir. Die Jazzproduktion wurde später mit Suno AI Studio erzeugt und von mir nachbearbeitet. Das ist mir wichtig, weil ich diese Produktion technisch und finanziell nicht selbst in dieser Form hätte umsetzen können. Suno war hier nicht Urheberin meiner Idee, sondern ein Werkzeug, das mir ermöglicht hat, aus meiner Musik- und Textidee eine hörbare Produktion zu machen.

Der Song ist hier zu hören:

https://suno.com/s/YYewqmu0DeZGdbEZ

Und jetzt liegt dieser alte Text plötzlich nicht mehr nur in der Schublade.

Er liegt auf dem Tisch.

Er schaut mich an.

Und ich denke: Ach. Da bist du ja wieder.

Denn manchmal schreibt man etwas, lange bevor man weiß, für welchen Moment man es geschrieben hat.

Vor dem ersten Date ist alles noch aus Glas.

Das ist die Zeile, um die sich der ganze Song dreht. Und je länger ich sie anschaue, desto mehr merke ich, dass sie nicht nur hübsch klingt. Sie ist wahr. Unangenehm wahr. Zart wahr. Gefährlich wahr.

Glas ist schön. Glas lässt Licht durch. Glas kann schützen, ohne ganz zu trennen. Man kann durch Glas hindurchsehen und trotzdem nicht berühren. Man kann sich darin spiegeln. Man kann vorsichtig die Hand dagegenlegen und sich vorstellen, wie es wäre, wenn da nichts mehr zwischen einem selbst und dem anderen Menschen wäre.

Aber Glas bricht auch.

Nicht unbedingt dramatisch. Manchmal reicht ein falscher Druck. Ein Satz. Ein zu frühes Schweigen. Eine Erwartung, die man nicht ausspricht, die aber trotzdem im Raum steht. Ein Blick, der nicht auffängt, sondern prüft. Eine kleine Verschiebung zwischen dem Bild, das jemand von mir hatte, und der Frau, die dann wirklich vor ihm steht.

Noch ist nichts passiert.

Kein Treffen.

Keine Berührung.

Kein gemeinsamer Geruch.

Kein Blick, von dem man später sagen könnte: Da fing es an.

Noch gibt es keinen Moment, den man zurückspulen könnte. Noch gibt es keine Erinnerung, die sich heimlich wichtig macht. Noch gibt es nur Nachrichten, Fantasie, Pausen, innere Bilder und die seltsame Unruhe eines Körpers, der so tut, als sei er an der Sache gar nicht beteiligt.

Natürlich ist er beteiligt.

Der Körper ist immer schneller als die Sätze.

Er reagiert schon, während der Kopf noch Protokoll führt. Er merkt sich Möglichkeiten. Er prüft Nähe, noch bevor Nähe stattgefunden hat. Er fragt nicht höflich nach, ob es schon angemessen ist, etwas zu fühlen. Er tut es einfach.

Das Herz ist da nicht besser.

Das Herz läuft voraus und tut so, als sei es nur neugierig.

„Ich gucke ja nur mal“, sagt es.

Und steht längst in einem Raum, in dem ich noch nie war.

Es stellt sich Stimmen vor. Hände. Den ersten Blick. Die Art, wie mein Name klingt, wenn er von jemandem ausgesprochen wird, der mich nicht nur lesen, sondern sehen will. Es stellt sich vor, wie ich ankomme, wie ich die Tür öffne, wie ich vielleicht noch einmal tief Luft hole, bevor ich wirklich da bin.

Und dann kommt diese andere Stimme.

Die vernünftige.

Die mit den Unterlagen.

Die sagt: Noch ist nichts passiert. Bitte nicht gleich ein Haus in eine Nebelbank bauen. Bitte nicht aus drei Sätzen eine Landschaft machen. Bitte nicht das eigene Begehren mit einer Verheißung verwechseln.

Sie hat recht.

Leider.

Aber sie hat nicht allein recht.

Denn vor dem ersten Date geht es nicht nur darum, ob daraus etwas wird. Es geht auch darum, was in mir sichtbar wird, bevor überhaupt jemand anders etwas mit mir macht.

Diese Phase vor einer möglichen ersten Begegnung ist ein merkwürdiger Zwischenraum. Man ist noch frei, aber nicht mehr unberührt. Man hat noch nichts zugesagt, und doch hat sich innerlich schon etwas verschoben. Man kann jederzeit zurück. Und trotzdem fühlt sich das Zurück plötzlich nicht mehr neutral an.

Es gibt jemanden.

Mehr muss an dieser Stelle nicht gesagt werden.

Nicht, weil es ein Geheimnis sein müsste, sondern weil dieser Text nicht von ihm handeln soll. Noch nicht. Er soll von diesem Zustand handeln, bevor ein Mensch ganz konkret wird. Von dieser Schwelle, auf der man steht, während die Tür noch geschlossen ist.

In meiner Reihe „Die Geliebte“ geht es nicht um einfache Antworten. Schon gar nicht um saubere Rollenbilder. Das Wort „Geliebte“ ist kein Spitzenhandschuh aus einem alten Film und auch keine erotische Dekoration für fremde Fantasien. Es ist ein Wort mit Gewicht. Mit Geschichte. Mit Gefahr. Mit Begehren. Mit Asymmetrie. Mit Verantwortung.

Und vor einem ersten Date bekommt dieses Wort plötzlich Körper.

Nicht theoretisch. Nicht literarisch. Sondern praktisch.

Was ziehe ich an?

Diese Frage klingt oberflächlich, wenn man sie zu schnell stellt.

Ist sie aber nicht.

Kleidung ist vor einem ersten Date keine Nebensache. Kleidung ist Sprache, bevor ich spreche. Sie ist Schutz, Einladung, Grenze, Signal und Ritual zugleich.

Ein Kleid kann sagen: Ich habe mich gezeigt.

Eine Bluse kann sagen: Ich lasse noch Raum.

Leder kann sagen: Ich weiß, wer ich bin.

Ein zu vorsichtiger Look kann mich verstecken.

Ein zu deutlicher Look kann etwas versprechen, was ich vielleicht noch gar nicht versprechen will.

Und irgendwo dazwischen steht die eigentliche Frage:

Wie komme ich als ich selbst an?

Nicht als perfektes Bild. Nicht als Pose. Nicht als verfügbare Fantasie. Nicht als Frau, die auf eine Funktion reduziert werden kann. Nicht als Körper, der praktisch in eine Lücke passt. Sondern als ganze Frau.

Das ist für mich der empfindliche Kern.

Werde ich gesehen?

Nicht begutachtet. Nicht abgeglichen. Nicht nur begehrt.

Gesehen.

Als Frau mit Geschichte. Mit Gegenwart. Mit Widersprüchen. Mit Lust. Mit Grenzen. Mit Humor. Mit Zweifeln. Mit Bauchgefühl. Mit dieser Mischung aus Mut und Unsicherheit, die wahrscheinlich erwachsener ist als jede glatte Souveränität.

Denn natürlich frage ich mich vor so einem möglichen ersten Date auch Dinge, die ich lieber nicht zugeben würde.

Bin ich zu viel?

Bin ich zu leise?

Bin ich zu rund?

Bin ich zu ungewohnt?

Bin ich zu direkt?

Bin ich zu kompliziert?

Bin ich die Frau, die er sich vorgestellt hat, oder wird er innerlich einen Schritt zurücktreten, wenn aus dem Bild ein Mensch wird?

Diese Fragen sind nicht schön. Aber sie sind da.

Und sie werden nicht dadurch kleiner, dass man ihnen ein hübsches Kleid anzieht.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum mich mein eigener Song gerade so erwischt. Er macht keinen großen dramatischen Auftritt daraus. Er bleibt in diesem Zimmer. In diesem Licht. Bei diesem Kleid auf dem Stuhl. Bei diesem Schreiben und Löschen. Bei der Frage, wie nah Sehnsucht vor dem Anfang eigentlich schon passieren darf.

Diese Frage ist gefährlich gut.

Wie nah darf Sehnsucht vor dem Anfang eigentlich schon passieren?

Vielleicht gibt es darauf keine anständige Antwort.

Vielleicht ist Sehnsucht grundsätzlich unanständig, weil sie sich nicht brav an Abläufe hält. Sie fragt nicht: Hatten wir schon ein Treffen? Gab es schon eine Berührung? Ist das emotional bereits genehmigt?

Sie kommt vorher.

Sie setzt sich auf die Bettkante.

Sie schaut zu, wie ich überlege, was ich anziehe.

Sie wartet nicht, bis alles geklärt ist.

Und doch ist sie nicht automatisch naiv.

Sehnsucht kann sehr genau wissen, dass nichts sicher ist. Sie kann wissen, dass vielleicht gar nichts daraus wird. Vielleicht nur Kaffee, Blick und Nacht. Vielleicht ein Gespräch, das schön ist und folgenlos bleibt. Vielleicht ein Abend, der nicht hält, was das Kopfkino vorher heimlich geprobt hat.

Vielleicht fahre ich später nach Hause und tue, als wäre ich klar.

Vielleicht bin ich es sogar.

Oder fast.

Aber vor dem ersten Date liegt in der Tasche meiner Zweifel eben doch schon ein kleines Ja.

Dieses kleine Ja ist noch kein Versprechen.

Es ist eher ein inneres Vorlehnen.

Ein leises: Ich wäre bereit, mich zeigen zu lassen.

Und das ist nicht wenig.

Gerade wenn es um eine Konstellation geht, in der nicht alles einfach offen daliegen kann. Wenn jemand ein anderes Leben hat. Türen, die ich nicht betrete. Räume, in denen ich nicht vorkomme. Zeiten, die nicht mir gehören.

Ich weiß, dass heimlich nicht gleich leicht ist.

Ich weiß auch, dass Begehren nicht automatisch Recht bekommt, nur weil es sich intensiv anfühlt.

Aber ich weiß ebenso: Nicht jede Sehnsucht ist eine Lüge, nur weil sie keinen einfachen Platz hat.

Und nicht jede Frau, die sich auf eine gebundene Person zubewegt, ist deshalb eine Karikatur. Nicht jede Geliebte ist kalt, berechnend, austauschbar oder blind vor Romantik. Manchmal ist sie eine Frau, die sehr genau weiß, dass sie sich auf einen komplizierten Raum zubewegt. Eine Frau, die sich prüft. Die sich fragt, ob sie das wirklich kann. Die nicht nur wissen will, ob sie begehrt wird, sondern ob sie in diesem Begehren als Mensch heil bleiben kann.

Vor dem ersten Date beginnt diese Prüfung.

Nicht erst danach.

Nicht erst, wenn etwas geschehen ist.

Sie beginnt in dem Moment, in dem ich merke, dass ich mich innerlich vorbereite.

Kleidung herauslegen.

Nachrichten noch einmal lesen.

Zu viel schreiben und wieder löschen.

Den eigenen Mut kurz spazieren gehen lassen.

Sich fragen, ob die Lippen zu rot sind oder genau richtig. Ob das Halsband zu deutlich ist oder einfach wahr. Ob meine Weiblichkeit als Einladung gelesen wird, als Behauptung, als Selbstverständlichkeit, als Frage.

Und vielleicht ist sie alles zugleich.

Ich will kein Märchen.

Das ist mir wichtig.

Ich will keine Lüge, kein Schloss aus Vielleicht und Rauch. Ich will nicht so tun, als wäre vor einem ersten Date alles unschuldig, nur weil noch nichts passiert ist. Es passiert sehr wohl etwas. Nur eben innen.

Das Kopfkino beginnt zu leuchten.

Der Atem verändert sich.

Die Fragen werden konkreter.

Und trotzdem bleibt alles zerbrechlich.

Alles aus Glas.

Vielleicht ist das der schönste und gefährlichste Moment zugleich: dieser Zustand, in dem noch nichts entschieden ist und gerade deshalb alles möglich scheint. In dem man noch nicht enttäuscht wurde, aber auch noch nicht gehalten. Noch nicht geküsst, aber schon berührt von der Möglichkeit. Noch nicht angekommen, aber auch nicht mehr ganz dort, wo man vorher war.

Ich glaube, erwachsenes Begehren bedeutet nicht, dass man keine Angst mehr hat.

Es bedeutet eher, dass man die Angst mitnimmt, ohne ihr das Steuer zu überlassen.

Ich darf unsicher sein.

Ich darf mich schön machen wollen.

Ich darf hoffen.

Ich darf mich prüfen.

Ich darf mir vorstellen, wie es wäre, wenn jemand mich wirklich erkennt.

Und ich darf gleichzeitig wissen, dass ein erstes Date kein Urteil über meinen Wert ist.

Wenn etwas zerbricht, war nicht zwingend ich zu viel.

Vielleicht war nur das Glas dünn.

Vielleicht passte der Moment nicht.

Vielleicht passte der Mensch nicht.

Vielleicht war das Kopfkino besser als die Wirklichkeit.

Oder vielleicht geschieht dieses kleine Wunder, auf das ich offiziell natürlich überhaupt nicht warte: Jemand sieht mich an, nicht durch mich hindurch. Jemand erkennt nicht nur das Bild, nicht nur die Haltung, nicht nur den Körper, nicht nur die praktische Möglichkeit. Sondern mein ganzes Ich.

Die Frau.

Mich.

Noch sitze ich auf meinem Sofa.

Noch ist nichts von uns geschehen.

Nur Kopfkino, Atem, Fragen und dieses Weitergehen.

Ich schließe die Augen, zähle bis sechs.

Hamtatta durch die Zeit.

Und trotzdem bin ich fast bereit.


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