Die Geliebte – Keine Dienstleistung


Sarah Jessica Mewes sitzt mit einem Mann auf einer überdachten Café-Terrasse, mehrere Paare an Tischen, entspannte Atmosphäre, burgunderfarbenes Samtkleid und schwarze Brille.

Ich war früher in der Sexarbeit tätig.

Das ist ein Satz, den ich inzwischen ruhig schreiben kann. Nicht, weil er klein wäre. Nicht, weil er nichts mit mir zu tun hätte. Sondern weil er wahr ist. Er gehört zu meiner Geschichte. Zu meinem Körpergedächtnis. Zu meinen Erfahrungen mit Männern, mit Begehren, mit Projektionen, mit Macht, mit Geld, mit Erwartungen und mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen davon, was Nähe eigentlich bedeutet.

Aber dieser Satz ist kein Türöffner für jede Fantasie.

Er bedeutet nicht: Ich bin privat automatisch dieselbe Frau, die ich beruflich einmal war. Er bedeutet nicht: Wer mir heute begegnet, bekommt professionelle Souveränität ohne Rechnung. Er bedeutet nicht: Ich sei immer belastbar, immer verfügbar, immer spektakulär, immer lächelnd, immer bereit, immer sicher, immer souverän, immer das Erlebnis, das man sich vorher im Kopf zurechtgelegt hat.

Meine Erfahrung ist Teil von mir. Aber sie gehört mir. Sie ist kein Gutschein.

Und genau da beginnt für mich ein wichtiger Punkt, wenn ich über die Rolle der Geliebten nachdenke.

Eine Frau, die früher in der Sexarbeit war, löst bei manchen Männern offenbar eine besondere Art von Kopfkino aus. Nicht immer böse. Nicht immer bewusst. Manchmal sogar schmeichelhaft gemeint. Da ist dann die Vorstellung: Diese Frau kennt sich aus. Diese Frau weiß, was Männer wollen. Diese Frau ist unkompliziert. Diese Frau hat Erfahrung. Diese Frau kann mit Sexualität umgehen. Diese Frau macht keine großen Umstände. Diese Frau wird schon nicht so schnell verletzt sein. Diese Frau ist bestimmt entspannter als andere.

Und vielleicht schwingt darunter noch etwas anderes mit: Wenn sie das früher beruflich gemacht hat, dann bekomme ich jetzt vielleicht den professionellen Einsatz gratis. Sexuelle Erfahrung ohne Bezahlung. Das Beste aus beiden Welten. Die Fantasie der Sexarbeiterin, aber im privaten Mantel der Geliebten.

Diesen Zahn möchte ich ziehen.

Ich bin keine Flatrate. Ich bin kein Erlebnis-Abo. Ich bin keine professionelle Fantasie mit privatem Rabatt.

Ich bin eine Frau.

Und ja, ich weiß, was ich da schreibe. Ich schreibe es nicht, um mich kleiner zu machen. Im Gegenteil. Ich schreibe es, weil ich sehr genau weiß, dass meine Vergangenheit nicht gelöscht werden muss, damit ich heute ernst genommen werden darf. Ich muss meine frühere Sexarbeit nicht verschweigen, um privat liebenswert, begehrenswert oder beziehungsfähig zu sein.

Aber ich lasse auch nicht zu, dass diese Vergangenheit alles über mich bestimmt.

Die private Sarah ist nicht einfach die Businessfrau von damals.

Natürlich gibt es Überschneidungen. Ich habe meinen Körper nicht gewechselt, nur weil der Kontext ein anderer ist. Ich habe meine Erfahrungen nicht im Schließfach abgegeben. Ich bringe mich mit. Ganz. Mit Wissen, mit Lust, mit Grenzen, mit Erinnerung, mit Neugier, mit Vorsicht, mit Mut.

Aber privat bin ich nicht im Dienst.

Das ist vielleicht der entscheidende Unterschied.

In der Sexarbeit gibt es eine klare Rahmung. Zeit. Geld. Absprache. Rolle. Erwartung. Angebot. Grenze. Professionelle Präsenz. Auch dort ist nicht alles so kalt und mechanisch, wie manche Menschen sich das vorstellen. Aber es ist trotzdem Arbeit. Es ist eine Leistung in einem vereinbarten Rahmen.

Eine Geliebte ist etwas anderes.

Eine Geliebte ist keine Dienstleisterin im romantischen Kostüm. Sie ist keine Frau, die man heimlich trifft, damit sie den Teil übernimmt, der in der Erstbeziehung fehlt. Sie ist auch keine Bühne, auf der ein Mann sich noch einmal jung, mächtig, begehrt oder grenzenlos fühlen darf, ohne selbst etwas investieren zu müssen.

Eine Affäre kann ein Ereignis sein.

Eine Geliebte ist ein Verhältnis.

Und ein Verhältnis braucht Haltung.

Ich finde diesen Unterschied wichtig. Eine Affäre kann aus einem Moment entstehen. Aus Lust. Aus Neugier. Aus Gelegenheit. Aus einer Tür, die offenstand, obwohl sie vielleicht besser geschlossen geblieben wäre. Eine Affäre kann heiß sein, schön, gefährlich, unvernünftig, kurz, intensiv. Sie kann ein Rausch sein.

Aber eine Geliebte ist mehr als ein Rausch.

Eine Geliebte ist nicht nur der Termin im Kalender. Nicht nur das Hotelzimmer. Nicht nur der Körper, den man heimlich berührt. Nicht nur die Nachricht, die man löscht, bevor man nach Hause kommt.

Eine Geliebte ist ein Mensch, zu dem man ein Verhältnis eingeht. Und ein Verhältnis verlangt mehr als Begehren. Es verlangt Wahrhaftigkeit. Es verlangt Respekt. Es verlangt Aufmerksamkeit. Es verlangt die Bereitschaft, diese Frau nicht nur dann zu sehen, wenn sie glänzt.

Denn auch eine Geliebte hat schlechte Tage.

Auch eine Geliebte ist manchmal müde. Krank. Unsicher. Dünnhäutig. Gereizt. Verletzt. Nicht in der Lage, schön zu funktionieren. Nicht in der Lage, sofort zu strahlen, nur weil ein Mann gerade Zeit hat. Nicht in der Lage, aus einem heimlichen Zeitfenster automatisch ein erotisches Feuerwerk zu machen.

Auch eine Geliebte darf Nähe wollen, ohne gerade sexuell zu performen.

Sie darf den Kopf an eine Schulter legen wollen. Sie darf schweigen wollen. Sie darf essen wollen. Sie darf lachen wollen. Sie darf über etwas sprechen wollen, das nichts mit Sex zu tun hat. Sie darf müde im Bett liegen und trotzdem gemeint sein. Nicht als Ausfall. Nicht als Enttäuschung. Nicht als „schade, heute lohnt es sich nicht“.

Wenn eine Geliebte nur glänzen darf, ist sie keine Frau, sondern Kulisse.

Und ich will keine Kulisse sein.

Ich möchte nicht nur begehrt werden, solange ich funktioniere. Ich möchte auch dann noch gemeint sein, wenn ich nicht liefere.

Das klingt vielleicht für manche selbstverständlich. Für mich ist es das nicht. Nicht, weil ich es nicht verdient hätte. Sondern weil ich weiß, wie schnell Frauen auf ihre Funktion reduziert werden können. Und wie schnell eine Frau mit meiner Geschichte noch einmal anders betrachtet wird.

Da ist dann nicht nur die Frau. Da ist die ehemalige Sexarbeiterin. Die Erfahrene. Die Souveräne. Die, die das kann. Die, die das schon kennt. Die, die bestimmt nicht so empfindlich ist. Die, die doch wissen muss, wie Männer sind.

Ja. Ich weiß einiges darüber, wie Männer sein können.

Aber dieses Wissen macht mich nicht unverwundbar.

Es macht mich nicht automatisch abgeklärt. Es macht mich nicht zu einer Frau, die keine Zärtlichkeit braucht. Es macht mich nicht zu einer Frau, die keine Unsicherheit kennt. Es macht mich nicht zu einer Frau, die immer nur geben kann, ohne selbst gehalten werden zu wollen.

Und jetzt kommt die andere Seite, denn ich möchte auch nicht so tun, als wäre meine Lust am Geben gespielt oder nur Teil alter Rollen.

Ja, es gibt Dinge, die ich gerne tue.

Ja, ich habe Freude daran, einem Mann Lust zu schenken.

Ich mag es, wenn ich spüre, dass mein Gegenüber reagiert. Wenn ein Mann nicht cool bleibt, sondern sich zeigt. Wenn aus Beherrschung Erregung wird. Wenn seine Stimme sich verändert. Wenn seine Aufmerksamkeit dichter wird. Wenn ich sehe, dass ein Mann wächst in seiner Begeisterung — und damit meine ich ganz undiplomatisch auch einen Ständer.

Das macht etwas mit mir.

Ich schreibe das bewusst so direkt, weil ich keine Lust habe, meine eigene Sexualität in Watte zu packen, nur damit sie für Leser:innen leichter verdaulich wird. Ich bin eine sinnliche Frau. Ich bin eine sexuelle Frau. Ich habe eine submissive Seite. Ich empfinde Freude daran, Lust zu schenken. Wenn ein Mann liebt, was ich ihm schenke, dann fühle ich mich beschenkt.

Das ist kein Widerspruch.

Es ist nur nicht dasselbe wie Dienstleistung.

Hingabe ist keine Dienstleistung.

Und Freude am Geben ist keine Verpflichtung zur Dauerperformance.

Das wird oft verwechselt. Besonders bei Frauen, die gerne geben. Besonders bei submissiven Frauen. Besonders bei Frauen, die ihre Lust nicht hinter vornehmer Zurückhaltung verstecken. Dann entsteht schnell der Eindruck: Wenn sie das gerne macht, kann ich es erwarten. Wenn sie daran Freude hat, darf ich es abrufen. Wenn sie früher dafür bezahlt wurde, dann ist es jetzt doch erst recht unkompliziert. Wenn sie erfahren ist, wird sie schon liefern.

Nein.

Lust ist keine Pflicht, nur weil sie echt ist.

Hingabe ist kein Automatismus, nur weil sie zu meiner Natur gehört.

Und Erfahrung ist kein Vertrag.

Ich kann sehr viel geben. Vielleicht sogar mehr, als manche Menschen erwarten würden. Aber ich möchte es geben, weil ich gemeint bin. Weil der Moment stimmt. Weil ich mich gesehen fühle. Weil Begehren zwischen uns entsteht und nicht nur von mir abgerufen wird.

Ich will nicht die Frau sein, die in einer Nische geparkt wird, bis sie gebraucht wird.

Ich will auch nicht die Frau sein, bei der jedes Treffen wie eine Hochzeitsnacht funktionieren muss. Dieser Anspruch klingt erst einmal großartig. Nach Leidenschaft. Nach Besonderheit. Nach dem Versprechen, dass jede Begegnung zählt.

Aber wenn jede Begegnung spektakulär sein muss, bleibt kein Platz für Wirklichkeit.

Dann darf nichts klein sein. Nichts müde. Nichts alltäglich. Nichts tastend. Nichts unsicher. Nichts zärtlich ohne Ziel. Dann wird jedes Treffen zur Prüfung: War es gut genug? War es besonders genug? War ich begehrenswert genug? Habe ich geliefert?

Das ist keine Nähe. Das ist Leistungsdruck mit Duftkerzen.

Und wenn ich über eine mögliche Geliebtenrolle nachdenke, dann wünsche ich mir gerade nicht nur das heimliche Brennen. Ich wünsche mir auch Haltung. Ich wünsche mir, dass ein Mann versteht: Wenn er mich als Geliebte will, dann nicht als Dienstleistung, sondern als Verhältnis.

Und ja, ich weiß, wie schwierig das ist. Gerade wenn ein Mann gebunden ist. Gerade wenn Zeit knapp ist. Gerade wenn die Begegnungen heimlich sind. Gerade wenn nicht alles möglich ist, was in einer offenen Beziehung möglich wäre.

Aber wenig Zeit ist kein Grund für wenig Respekt.

Wenn ich selbst in einer Erstbeziehung wäre und eine Geliebte hätte, würde ich sie im Moment unserer Begegnung wie eine Nummer eins behandeln wollen.

Nicht, weil die andere Beziehung dadurch verschwindet. Nicht, weil Realität sich für ein paar Stunden in Luft auflöst. Sondern weil der Mensch, der vor mir sitzt, in diesem Moment ganz gemeint sein sollte.

Ich würde mit ihr essen gehen wollen. Ins Kino. Ins Theater. Spazieren. Vielleicht an Orte, an denen uns niemand kennt. Ich würde gemeinsame Zeit wollen, die nicht nur aus Ankunft, Ausziehen, Sex und Abreise besteht.

Ein Hotelzimmer kann am Anfang passen. Natürlich kann es das. Manchmal ist es sogar der einzige Ort, an dem Diskretion möglich ist. Manchmal ist ein Hotelzimmer ein Schutzraum. Ein neutraler Raum. Ein Ort, an dem für ein paar Stunden keine Alltagsrollen an der Tür klopfen.

Aber es darf nicht alles sein.

Wenn alles Hotelzimmer ist, wird die Geliebte schnell zum Termin. Zum Geheimfach. Zum erotischen Nebenschauplatz. Zum Ort, an dem etwas passiert, das woanders nicht passieren darf.

Begehrt zu werden als Frau ist schön.

Aber zum Begehrtwerden einer Frau gehört mehr als Penetration.

Es gehört dazu, angesehen zu werden. Gefragt zu werden. Wahrgenommen zu werden. Nicht nur als Körper, sondern als Gegenüber. Es gehört dazu, dass jemand wissen will, wie mein Tag war. Dass jemand merkt, wenn ich stiller bin als sonst. Dass jemand meine Lust nicht von meiner Verfügbarkeit trennt, aber auch nicht meine Verfügbarkeit mit meiner Lust verwechselt.

Ich will begehrt werden, ja.

Aber ich will nicht verbraucht werden.

Ich will nicht das private Bonusprogramm eines Mannes sein, der in mir alles sucht, was ihm anderswo fehlt, aber nicht bereit ist, mich als ganzen Menschen zu sehen.

Vielleicht ist das unbequem. Vielleicht nimmt es der Fantasie etwas Glanz. Vielleicht ist die Geliebte in manchen Köpfen schöner, solange sie keine Müdigkeit hat, keine Geschichte, keine Grenzen, keine Fragen, keine eigenen Bedürfnisse.

Aber diese Geliebte bin ich nicht.

Ich komme nicht leer.

Ich komme mit Vergangenheit. Mit Körper. Mit Lust. Mit Narben. Mit Erfahrung. Mit Sehnsucht. Mit Humor. Mit Widersprüchen. Mit einer submissiven Natur, die sehr viel schenken kann, aber nicht beliebig zur Verfügung steht.

Und vielleicht ist genau das der Punkt:

Ich kann eine Geliebte sein.

Aber nicht als Dienstleistung.

Nicht als private Fortsetzung einer beruflichen Rolle.

Nicht als Fantasie mit Rabatt.

Nicht als Frau, die nur dann zählt, wenn sie funktioniert.

Wenn ich Geliebte bin, dann als Frau. Als ganze Frau. Als begehrende, gebende, fühlende, manchmal starke, manchmal unsichere, manchmal lustvolle, manchmal erschöpfte Frau.

Meine Erfahrung ist Teil von mir.

Aber sie gehört mir.

Und wer mich will, bekommt keinen Gutschein.

Wer mich will, muss mich meinen.


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