Die Geliebte – Begehrt werden, bevor alles fertig ist


Sarah Jessica Mewes im Seitenprofil vor verschwommenem Waldhintergrund, burgunderfarbenes Samtkleid, schwarze Brille, langes schwarzes Haar, weisser Schriftzug "wild" im Bild.

Ich bin eine präoperative trans Frau.

Das ist ein schlichter Satz, aber er trägt viel mehr in sich, als auf den ersten Blick sichtbar ist. Er sagt etwas über meinen Körper. Über den Stand meiner Transition. Über eine medizinische Schwelle, auf die ich zugehe. Über eine Operation, die für September 2026 geplant ist. Aber er sagt auch etwas über die Zeit davor. Über dieses Dazwischen. Über einen Körper, der schon meiner ist und trotzdem noch nicht vollständig dort angekommen ist, wo ich innerlich längst bin.

Ich brauche keinen Mann, um Frau zu sein.

Das ist mir wichtig. Vielleicht muss ich es gerade deshalb so klar an den Anfang stellen. Meine Weiblichkeit entsteht nicht dadurch, dass ein Mann mich begehrt. Sie wird nicht wahrer, weil ein Mann mich schön findet. Sie wird nicht gültiger, weil ein Mann mich anfassen möchte. Ich bin nicht erst Frau, wenn ein heterosexueller Mann in mir eine Frau erkennt. Ich bin es vorher. Ich bin es ohne ihn. Ich bin es an guten Tagen und an schlechten Tagen, vor Spiegeln, vor Formularen, vor Ärzt:innen, vor Menschen, die mich sehen, und vor Menschen, die mich nicht sehen wollen.

Und trotzdem wäre es gelogen, zu behaupten, dass es nichts mit mir macht.

Wenn ein heterosexueller Mann mich jetzt begehrt, vor dieser Operation, vor dieser körperlichen Schwelle, dann berührt das etwas in mir, das nicht politisch korrekt und nicht abstrakt ist. Es ist nicht der pädagogisch saubere Satz: „Natürlich bist du eine Frau.“ Es ist auch nicht die höfliche, liberale Geste eines Menschen, der sich Mühe gibt, nichts Falsches zu sagen.

Es ist körperlicher.

Sinnlicher.

Konkreter.

Es ist der Blick, der nicht ausweicht. Die Lust, die nicht so tut, als sei mein Körper ein kompliziertes Fußnotenfeld. Das Begehren, das nicht erst wartet, bis alles einfacher erklärbar ist. Das nicht sagt: Komm wieder, wenn du fertig bist. Das nicht fragt, ob ich schon „umgebaut“ bin, als wäre ich ein Projekt in einer Werkstatt. Sondern das mich sieht. Jetzt. In diesem Körper. In dieser Wahrheit. In dieser Zwischenzeit.

Und genau diese Zwischenzeit ist nicht einfach.

Mein Körper ist derzeit noch ein Zwischenzustand. Ich schreibe das ohne falsche Scham, aber auch ohne Sensationslust. Es gibt Dinge, die jetzt möglich sind. Und es gibt Dinge, die erst nach der Operation möglich sein werden. Ich kann einem Mann einen blasen. Er kann mich anal nehmen. Vaginalverkehr ist erst nach der genitalfeminisierenden Operation möglich.

Das ist keine Provokation. Das ist keine Erotiknummer für neugierige Leser:innen. Das ist schlicht meine Realität.

Ich möchte das nicht verschleiern, weil Verschweigen meinem Leben nicht gerecht wird. Aber ich möchte es auch nicht ausstellen, als wäre mein Körper ein Kuriositätenkabinett. Ich bin kein Rätsel, das man lösen muss. Kein Sonderfall, an dem man sich abarbeitet. Kein erotisches Experiment für Menschen, die einmal „so etwas“ erleben wollen. Ich bin eine Frau mit einer Geschichte, mit einem Körper, mit einer Vergangenheit, mit Lust, mit Grenzen, mit Sehnsucht und mit sehr viel Klarheit darüber, was ich bin und was ich nicht bin.

Und ich bin eben noch vor dieser Operation.

Das bedeutet nicht, dass mein Frau-Sein unfertig wäre. Aber mein Körper ist an einer Stelle noch nicht dort, wo er sein soll. Das ist ein Unterschied. Ein wichtiger Unterschied.

Meine Weiblichkeit ist nicht im Wartezimmer. Meine Identität liegt nicht auf Eis bis September. Ich bin nicht im Probelauf. Ich bin nicht fast Frau. Ich bin Frau.

Aber ich lebe noch in einem Körper, der nicht vollständig zu mir passt.

Und ich spüre das.

Nicht jede Minute. Nicht dramatisch mit Geigenmusik im Hintergrund. Aber immer wieder. Beim Anziehen. Beim Ausziehen. Bei Intimität. Bei Fantasien. Bei der Frage, was ich einem Menschen sagen muss, bevor er mir zu nahe kommt. Bei der Frage, ob Begehren kippt, wenn aus Vorstellung Wirklichkeit wird. Bei der Frage, ob ein Mann noch bleibt, wenn er nicht nur eine Frau sieht, sondern auch die Wahrheit ihres Körpers kennt.

Vielleicht ist das der Punkt, der mich so beschäftigt.

Nicht, ob ich begehrenswert bin, wenn alles „fertig“ ist. Natürlich hoffe ich, dass ich es dann bin. Natürlich möchte ich nach der Operation meinen Körper anders bewohnen. Freier. Stimmiger. Weniger erklärungsbedürftig. Ich stelle mir vor, dass sich etwas löst, das lange zu fest saß. Dass eine Tür aufgeht, die ich schon seit Jahren von innen kenne, aber körperlich noch nicht vollständig betreten konnte.

Aber vor dieser Schwelle begehrt zu werden, hat eine andere Bedeutung.

Wenn ein Mann mich jetzt begehrt, begehrt er nicht die fertige Version. Er begegnet mir nicht erst dort, wo es für ihn vielleicht einfacher wird. Er kommt nicht erst dann, wenn mein Körper für sein eigenes Bild von Weiblichkeit weniger Reibung erzeugt. Er begegnet mir vorher.

Er weiß, wer ich bin, bevor mein Körper vollständig nachgezogen hat.

Das kann sehr viel bedeuten.

Nicht, weil ich seinen Blick brauche, um mich selbst zu erkennen. Sondern weil Begehren manchmal ein anderes Wissen berührt als Selbstgewissheit. Ich kann wissen, wer ich bin, und trotzdem davon erschüttert sein, wenn jemand anderes mich genau dort begehrt, wo ich selbst noch auf Veränderung warte.

Das ist keine Schwäche. Das ist Menschlichkeit.

Ich glaube, es gibt einen Unterschied zwischen Bestätigung und Gesehenwerden.

Bestätigung würde bedeuten: Ich brauche dich, damit ich glauben kann, dass ich Frau bin.

Das brauche ich nicht.

Gesehenwerden bedeutet: Du siehst mich in diesem konkreten Körper. Nicht als Idee. Nicht als politische Haltung. Nicht als Mutprobe. Nicht als unfertige Baustelle. Sondern als Frau, die gerade hier steht. Mit allem, was schon stimmt, und allem, was sich noch verändern wird.

Und wenn du bleibst, nachdem du meine Wahrheiten kennst, dann bleibst du nicht trotz Sarah.

Dann bleibst du wegen Sarah.

Das ist ein enormer Satz.

Denn meine Wahrheiten sind nicht klein. Ich bin eine trans Frau. Ich bin präoperativ. Ich habe eine frühere Geschichte in der Sexarbeit. Ich bin sinnlich. Ich bin erfahren. Ich bin nicht beliebig. Ich bin offen, aber nicht verfügbar. Ich kann direkt über Sex sprechen und trotzdem sehr genau unterscheiden, wann Nähe gemeint ist und wann nur Konsum. Ich kenne Rollen, Fantasien, Projektionen und die kleinen Fallen, in denen Menschen glauben, eine Frau mit sexueller Erfahrung sei automatisch leichter zu haben, leichter zu benutzen oder leichter zu sortieren.

Bin ich nicht.

Vielleicht macht genau das die Rolle der Geliebten für mich so brisant. Weil sie immer schon mit Projektionen beladen ist. Die Geliebte ist in vielen Köpfen nicht einfach eine Frau. Sie ist Verfügbarkeit. Ausbruch. Geheimnis. Körper. Gegenbild zur Ehefrau. Fantasie ohne Alltag. Und wenn diese Geliebte dann auch noch eine ehemalige Sexarbeiterin ist, kommen weitere Projektionen dazu. Erfahrung. Technik. Hemmungslosigkeit. Professionelle Sinnlichkeit zum privaten Nulltarif.

Und wenn diese Geliebte eine präoperative trans Frau ist, kommen wieder andere Projektionen dazu. Neugier. Unsicherheit. Fetisch. Angst. Faszination. Fragen, die manche Menschen kaum aussprechen können und andere viel zu schnell aussprechen.

Deshalb ist es so wichtig, dass ich meine eigene Mitte kenne.

Ich bin nicht die Dienstleistung von früher. Ich bin nicht das pädagogische Anschauungsobjekt für Transfeinfühligkeit. Ich bin nicht der geheime Kick eines Mannes, der sich selbst beweisen will, wie offen er ist. Ich bin nicht die unfertige Frau, an der jemand seine Grenzen testet.

Ich bin Sarah.

Und Sarah möchte begehrt werden.

Nicht bemitleidet. Nicht höflich akzeptiert. Nicht vorsichtig umkreist wie ein sehr zerbrechliches Möbelstück. Begehrt.

Das zu schreiben, fühlt sich fast gefährlicher an, als über politische Fragen zu schreiben. Weil Begehren so wenig kontrollierbar ist. Man kann Würde erklären. Rechte. Respekt. Sprache. Man kann über Sichtbarkeit sprechen, über Diskriminierung, über Identität. All das ist wichtig.

Aber irgendwann steht da trotzdem ein Körper.

Mein Körper.

Und die Frage ist nicht nur, ob dieser Körper respektiert wird. Die Frage ist auch, ob er gewollt wird.

Ich weiß, dass das heikel ist. Gerade für trans Menschen kann Begehren ein schwieriges Feld sein. Es gibt das falsche Begehren. Das objektifizierende. Das heimliche. Das gierige. Das, das nur den Unterschied will und nicht den Menschen. Das, das nach außen niemals zu uns stehen würde, aber im Bett plötzlich sehr interessiert ist. Das, das uns begehrt und sich gleichzeitig dafür schämt. Das, das uns nicht als Frau will, sondern als Ausnahme.

Das meine ich nicht.

Ich meine ein Begehren, das nicht verschwindet, sobald Wahrheit auf dem Tisch liegt.

Ein Begehren, das nicht so tut, als sei mein Körper unwichtig, aber ihn auch nicht auf eine einzige Stelle reduziert.

Ein Begehren, das mich nicht erst nach der Operation als „richtige“ Frau einordnet, sondern jetzt schon begreift, dass die Operation meinen Körper verändern wird, nicht meine Wahrheit.

Und dann gibt es diesen Gedanken, der mich mehr beschäftigt, als ich vielleicht zuerst zugeben wollte:

Der erste Mann nach der Operation.

Das ist ein Satz, der in mir ein ganz eigenes Echo hat.

Vielleicht ist das Irre nicht, dass ich über den ersten Mann nach der Operation nachdenke. Vielleicht ist das Irre, dass ich plötzlich nicht mehr ins Leere denke.

Denn es könnte jemand da sein.

Nicht als festes Versprechen. Nicht als Kitsch. Nicht als romantische Garantie. Aber als Möglichkeit. Als Mensch, der vorher schon weiß, wer ich bin. Der nicht erst auftaucht, wenn alles „fertig“ ist. Der die Sarah vor der Schwelle kennt und vielleicht auch die Sarah danach berühren wird. Der nicht nur das Ergebnis begehrt, sondern den Weg dorthin nicht als Makel betrachtet.

Jemand, der wartet.

Dieses Wort ist gefährlich schön.

Warten kann Besitz bedeuten. Anspruch. Druck. Erwartung. All das will ich nicht. Niemand soll auf meinen Körper warten, als hätte er ein Recht auf ihn, sobald die Operation vorbei ist. Mein Körper bleibt meiner. Vorher. Nachher. Immer.

Aber es gibt auch ein anderes Warten.

Ein Warten, das nicht fordert. Das nicht drängt. Das nicht zählt, wie lange es noch dauert. Ein Warten, das sagt: Ich sehe dich jetzt. Und ich werde dich auch dann sehen. Nicht, weil du dann endlich verwertbar bist. Sondern weil du derselbe Mensch bist, nur vielleicht freier in deinem Körper.

Wenn ein Mann so bleibt, dann berührt mich das.

Tief.

Nicht an der Oberfläche meiner Eitelkeit. Nicht an der Stelle, die geschmeichelt sein möchte. Sondern an einer tieferen Stelle, an der sehr lange etwas angespannt war. Eine Stelle, die gelernt hat, sich zu erklären, bevor sie sich zeigen darf. Eine Stelle, die weiß, wie es ist, begehrt zu werden und gleichzeitig nicht sicher zu sein, ob der ganze Mensch gemeint ist. Eine Stelle, die zwischen Lust und Vorsicht lebt.

Vielleicht ist genau das die Schwelle, über die dieser Beitrag sprechen muss.

Nicht nur die medizinische Schwelle im September. Sondern die emotionale Schwelle davor.

Kann ich glauben, dass ein Mann mich jetzt begehrt und nicht nur eine Fantasie über mich?

Kann ich zulassen, dass dieses Begehren mir etwas bedeutet, ohne meine Selbstachtung daran zu hängen?

Kann ich eine Geliebte sein, ohne mich in die alte Falle zu begeben, nur dann wertvoll zu sein, wenn ich gewollt werde?

Kann ich sagen: Ich brauche dich nicht, um Frau zu sein — und trotzdem anerkennen, dass dein Begehren mich an einer sehr verletzlichen Stelle erreicht?

Ich glaube, ja.

Vielleicht liegt genau darin die erwachsene Wahrheit.

Ich brauche keinen Mann, um Frau zu sein. Aber wenn ein Mann mich vor dieser Schwelle begehrt und danach noch da ist, dann berührt das eine sehr tiefe Stelle in mir.

Das ist der Satz, um den alles kreist.

Nicht als Abhängigkeit. Nicht als Rettungsfantasie. Nicht als patriarchales Zertifikat mit Schleifchen. Sondern als Erfahrung von Gesehenwerden im konkreten Körper.

Ich bin nicht fertig im medizinischen Sinn.

Ich bin aber auch kein unfertiger Mensch.

Ich bin eine Frau vor einer Operation. Eine Frau mit Lust. Eine Frau mit Grenzen. Eine Frau mit Geschichte. Eine Frau, die weiß, was sie geben kann und was nicht. Eine Frau, die über ihren Körper sprechen kann, ohne ihn auszuliefern. Eine Frau, die nicht mehr bereit ist, sich kleiner zu machen, damit andere weniger überfordert sind.

Und vielleicht ist genau das begehrenswert.

Nicht die Glätte. Nicht die einfache Version. Nicht die Sarah, die keine Fragen aufwirft.

Sondern die ganze Sarah.

Die, die schon da ist.

Die, die noch wartet.

Die, die sich verändern wird.

Die, die nicht trotz ihrer Wahrheit geliebt oder begehrt werden möchte, sondern wegen der Art, wie sie mit dieser Wahrheit lebt.


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