Bin ich eine Frau für gewisse Stunden?


Sarah Jessica Mewes steht ruhig im Türrahmen, warmes Bernsteinlicht im Hintergrund – Beitragsbild zum Text Bin ich eine Frau für gewisse Stunden

Bin ich eine Frau für gewisse Stunden?

Die Frage klingt altmodisch. Ein bisschen verrucht. Ein bisschen nach Halbwelt, Hotelbar, rotem Licht und verschlossener Tür. Sie klingt nach einer Frau, die nicht für ein Leben gedacht ist, sondern für einen Abend. Für einen Nachmittag. Für ein paar Stunden, in denen jemand bekommt, was er sucht, und danach geht jede:r wieder in das eigene Leben zurück.

Und natürlich weiß ich, warum diese Formulierung bei mir auf Widerstand stoßen kann.

Ich war Sexarbeiterin.

Ich war als Sexarbeiterin tatsächlich eine Frau für gewisse Stunden. Ich habe als Sexarbeiterin BDSM praktiziert. Ich war als Sexarbeiterin auch Geliebte, in bestimmten Konstellationen, in bestimmten Rollen, in bestimmten Momenten. Und manches davon gab es bei mir nicht nur beruflich, sondern auch privat.

Also ja: Irgendwie ist alles miteinander verwoben.

Aber dieser Text ist trotzdem nicht einfach die Fortsetzung eines anderen Gedankens. Er ist keine Fortsetzung von „Die Geliebte“. Er ist kein Text über Polygamie. Er ist auch keine moralische Betrachtung darüber, was man darf, was man soll oder was andere Menschen vielleicht über mich denken könnten.

Es ist eine Frage an mich selbst.

Bin ich eine Frau für gewisse Stunden?

Und wenn ja:

Reicht mir das?

Und noch wichtiger:

Was braucht es, um mich dafür zu erobern?

Die Frau für gewisse Stunden, die ich einmal war

Wenn ich von meiner Zeit als Sexarbeiterin spreche, dann ist mir eine Unterscheidung wichtig.

Die Bezahlung war nicht der Konsens.

Das wird gerne durcheinandergeworfen. Als würde jemand mit Geld nicht nur Zeit kaufen, sondern Zugriff. Auf Körper. Auf Nähe. Auf Praktiken. Auf Verfügbarkeit. Auf ein Ja.

Nein.

So war das nicht.

Die Bezahlung war der Stundensatz für meine Zeit. Für meine Anwesenheit. Für den professionellen Rahmen. Für die Verabredung, dass ich da bin, präsent bin, zugewandt bin, innerhalb meiner Grenzen arbeite und für diese Zeit eine Rolle einnehme.

Was innerhalb dieser Zeit geschah, war damit nicht automatisch gekauft.

Konsens musste trotzdem da sein. Grenzen mussten trotzdem gelten. Ein Nein blieb ein Nein. Ein Abbruch blieb möglich. Eine Absprache war eine Absprache, keine magische Freischaltung meines Körpers.

Ich sehe das wirklich so: Die Zeit wurde bezahlt. Was zwischen Menschen in dieser Zeit entstand, das war eine andere Ebene.

Das mag für manche Menschen merkwürdig klingen. Aber für mich war genau diese Trennung wichtig. Vielleicht sogar überlebenswichtig, nicht nur körperlich, sondern innerlich.

Denn wenn ich selbst glauben würde, dass Bezahlung Konsens ersetzt, dann hätte ich mich selbst aus der Gleichung gestrichen.

Das habe ich nie getan.

Ich war Dienstleisterin. Aber ich war kein Gegenstand.

Dienst bleibt Dienst und Schnaps bleibt Schnaps

Wenn ich jetzt privat über die Frage nachdenke, ob ich eine Frau für gewisse Stunden sein könnte, dann ist eines von vornherein klar:

Mit Kund:innen oder ehemaligen Kund:innen verkehre ich privat nicht.

Dienst bleibt Dienst und Schnaps ist Schnaps.

Das ist kein Spielmaterial für mich. Da gibt es keine romantische Tür, die nachträglich aufgeht. Keine heimliche Verschiebung aus der Dienstleistung in die Privatheit. Keine Geschichte nach dem Motto: Erst war es beruflich, dann wurde es privat.

Nein.

Was ich hier denke, ist etwas Neues.

Es hat mit meiner Vergangenheit zu tun, weil meine Vergangenheit nun einmal zu mir gehört. Aber es entsteht nicht aus alten Kund:innenbeziehungen. Es entsteht aus mir. Aus meinem heutigen Körpergefühl. Aus meiner Zukunft. Aus meiner Lust. Aus meiner Frage, was nach der Operation möglich sein könnte.

Meine genitalfeminisierende Operation steht im August an. Vor 2027 wird sich in dieser Richtung vermutlich praktisch nichts tun. Ich werde danach erst einmal heilen müssen. Körperlich sowieso. Aber wahrscheinlich auch innerlich. Ich werde mich neu kennenlernen müssen. Vielleicht auch neu begehren lernen. Oder genauer: Ich werde lernen müssen, wie sich mein Begehren dann anfühlt.

Trotzdem denkt mein Kopf schon jetzt nach vorne.

Nicht als Plan.

Eher als leises Kreisen.

Was wäre, wenn?

Privat ist anders

In der Sexarbeit wurde ich begehrt als Möglichkeit.

Als Möglichkeit für Nähe. Für BDSM. Für eine Fantasie. Für ein Gespräch. Für eine bestimmte Rolle. Für etwas, das jemand bei mir suchte und vielleicht woanders nicht fand.

Aber ob ich mit dieser Person privat verkehrt hätte, stand auf einem ganz anderen Blatt.

Das ist der Unterschied.

Beruflich konnte es reichen, dass jemand mich begehrte und meine Grenzen akzeptierte. Privat reicht das nicht.

Privat muss ich zurückbegehren.

Das ist das Minimum.

Ich muss neugierig sein. Ich muss diesen Menschen riechen können. Ich muss wissen wollen, wie sich seine Nähe anfühlt. Ich muss nicht gleich verliebt sein. Ich muss nicht sofort an Beziehung denken. Ich muss auch nicht schon wissen, ob daraus irgendetwas Dauerhaftes werden könnte.

Aber irgendetwas muss da sein.

Ein Funke. Ein Blick. Ein Ton in der Stimme. Eine Art, mich zu sehen. Eine körperliche Antwort in mir.

Sonst bin ich privat nicht dabei.

Nicht, weil ich prüde wäre. Bin ich nicht. Ich habe grundsätzlich kein Problem mit Sex beim ersten Date. Ich habe auch kein Problem mit Lust, die schnell entsteht. Im Gegenteil. Wenn es stimmt, dann stimmt es manchmal schnell.

Aber schnell ist nicht dasselbe wie beliebig.

Freundschaft plus? Nein.

Ich scheue mich davor, den Begriff Freundschaft plus in den Mund zu nehmen.

Nicht, weil ich ihn schlimm finde. Er passt nur nicht.

Freundschaft plus klingt für mich nach einer vorhandenen Freundschaft, an die man Sex dranhängt. Als gäbe es eine saubere Grundform, und dann kommt ein kleines erotisches Zusatzmodul oben drauf.

So fühlt sich diese Frage nicht an.

Ich bin auch keine Tagesabschnittsgefährtin. Schon das Wort klingt, als müsste man es in einen Kalender eintragen und mit einem Verwaltungsakt bestätigen.

Was ich meine, liegt irgendwo anders.

Vielleicht braucht die Frau für gewisse Stunden keine Beziehung. Aber sie braucht Bezug.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Ich brauche keine gemeinsame Wohnung für gewisse Stunden. Kein Versprechen auf jeden Sonntag. Keine Zahnbürste im Bad. Keine gemeinsame Steuererklärung. Kein „Was sind wir jetzt?“ nach dem zweiten Kuss.

Aber ich brauche einen echten Bezug.

Ich brauche das Gefühl, dass ich nicht nur eine freie Stelle in einer Fantasie besetze. Ich brauche das Gefühl, dass ich als Frau gemeint bin. Diese Frau. Ich. Nicht irgendeine.

Ich brauche wechselseitige Neugier.

Ich brauche den Gedanken:

Ich will dich auch.

Erotische Großzügigkeit

Irgendwann kam mir die Frage: Bin ich so etwas wie eine ehrenamtliche Sexarbeiterin?

Das klingt schief. Ich weiß.

Aber schiefe Formulierungen zeigen manchmal kurz, worum es innerlich geht.

Was ich meinte: Ich möchte privat etwas geben können, das ich früher beruflich geben konnte. Nicht als Dienstleistung. Nicht aus Mitleid. Nicht auf Zuruf.

Sondern weil ich will. Weil mir jemand gefällt. Weil ich dieser Person gefalle.

Das ist keine Sexarbeit ohne Geld.

Das ist erotische Großzügigkeit.

Begehren ohne Besitzanspruch.

Eine gewisse Stunde, die nicht gekauft wird, sondern geschenkt werden kann. Aber eben nicht beliebig. Nicht aus Dankbarkeit. Nicht als Gegenleistung.

Sondern weil ich in diesem Moment Ja sage.

Was ist dann Bezahlung?

Und damit komme ich zu einer schwierigen Frage.

Wenn bei der Sexarbeit die Dienstleistung gegen Geld stand, was ist dann privat der „Schnaps“?

Ist Hofieren eine Bezahlung?

Ist eingeladen werden eine Bezahlung?

Ist Großzügigkeit eine Bezahlung?

Ich gebe zu: Großzügigkeit beeindruckt mich.

Wenn jemand sich Mühe gibt, werde ich weicher. Wenn jemand zeigt, dass ich ihm etwas wert bin, berührt mich das. Wenn jemand nicht knausert, nicht rechnet, nicht innerlich eine Strichliste führt, sondern einen schönen Rahmen schafft, dann merke ich das.

Das ist nicht merkwürdig. Oder vielleicht ist es merkwürdig, aber dann bin ich eben so merkwürdig.

Vielleicht hat mir genau dieser Charakterzug auch in der Sexarbeit geholfen. Nicht nur im Sinne von: Damit kann ich einen Teil meiner Miete bezahlen. Sondern auch, weil ich intensiver wurde, wenn ich spürte, dass jemand meine Zeit wirklich wertschätzte.

Je mehr einem Menschen meine Zeit wert war, desto anders konnte auch meine Präsenz werden.

Warum sollte sich das privat völlig ändern?

Aber genau hier liegt die Grenze.

Großzügigkeit darf mich weich machen.

Sie darf mich nicht verpflichten.

Eine Einladung kann einen Rahmen schaffen. Sie kann zeigen: Ich gebe mir Mühe. Ich möchte, dass du dich wohlfühlst. Ich sehe deinen Wert. Ich will nicht billig an dich heran.

Das kann schön sein. Das kann attraktiv sein. Das kann eine Tür im Inneren einen Spalt öffnen.

Aber es kauft nicht meinen Körper.

Der Swingerclub und das Entenessen

Ich denke dabei oft an Swingerclubs.

Ein Paar fährt in einen Swingerclub. Vielleicht fahren sie einige Kilometer weit weg, damit sie nicht den Nachbar:innen begegnen, die sie dann dort natürlich trotzdem treffen. Sie zahlen Eintritt. Sagen wir 100 Euro. Und dann sind sie drin.

Wofür haben sie bezahlt?

Für Sex?

Nicht unbedingt.

Sie haben für Zugang bezahlt. Für einen Raum. Für Atmosphäre. Für die Möglichkeit. Für einen Ort, an dem gelebte Sexualität nicht versteckt werden muss. Vielleicht für Musik, Sauna, Getränke, ein Buffet, Gespräche, Blicke, Freiheit.

Ich war früher mit meiner Partnerin manchmal in einem Swingerclub, weil das Essen toll war.

Das klingt vielleicht absurd, war aber so.

Da kochte ein Mensch, der gelernter Koch war, hauptberuflich aber nicht mehr arbeiten konnte. Also kochte er stundenweise in diesem Swingerclub. Und er kochte hervorragend. Frisch. Aus richtigen Zutaten. Nicht dieses aufgewärmte Irgendwas, das man sonst manchmal bekommt. Sondern richtig gutes Essen.

Da konnte man hingehen, essen, reden, Menschen treffen, sich umschauen, vielleicht etwas erleben, vielleicht auch nicht.

Dann zahlt man 100 Euro für einen Swingerclub und hat am Ende vielleicht einfach gut gegessen und sozialisiert.

Also wofür war das Geld?

Für den Rahmen.

Nicht für ein garantiertes sexuelles Ergebnis.

Und genau so ist es auch privat.

Ein Mensch kann in einen Abend investieren. In ein Essen. In ein Hotel. In eine Fahrt. In Blumen, Kleidung, Stil, Aufmerksamkeit, Atmosphäre. Aber er kauft damit keine sexuelle Handlung.

Er schafft eine Möglichkeit.

Ob aus dieser Möglichkeit etwas wird, entscheidet sich an mir. An ihm. An uns. An dem, was zwischen uns passiert.

Die Einladung ist kein Türöffner

Nur weil mich jemand teuer zum Essen einlädt, gehe ich nicht mit ihm ins Bett.

Auch dann nicht, wenn ich Sex beim ersten Date grundsätzlich nicht ausschließe.

Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

Ein schönes Essen kann ein schönes Essen bleiben. Ein toller Abend kann mit einer Umarmung enden. Oder mit einem Kuss auf die Wange. Oder mit wildem Rumknutschen an irgendeiner Ecke, ohne dass danach noch mehr passiert.

Und das kann völlig ausreichend sein.

Ich mag Küssen.

Richtiges Küssen.

Mit Zunge, ja. Aber bitte nicht dieses „Ich stecke dir jetzt meine Zunge in den Hals und du machst dann schon die ganze Arbeit“. Wäh. Nein.

Zungenspiele wollen gewollt werden. Sie wollen erlernt worden sein. Sie brauchen Antwort, Rhythmus, Gefühl, Wahrnehmung. Ein guter Kuss ist kein Angriff. Ein guter Kuss fragt und antwortet gleichzeitig.

Und ja: Wenn jemand gut küssen kann, Halleluja, dann öffnet das Türen.

Nicht automatisch alle. Aber einige.

Ein schlechter Kuss kann dagegen alles sofort zuschlagen. Wenn der Mensch Mundgeruch hat, wenn die Zähne offensichtlich länger nicht geputzt wurden, wenn Geschmack, Nähe, Druck und Rhythmus nicht stimmen, dann ist vielleicht der ganze Abend bis dahin nett gewesen, aber mein Körper sagt trotzdem: Nein.

Und mein Körper hat ein Stimmrecht.

Immer.

Die Ebenen bis zum Gipfel

Vielleicht gibt es wirklich Ebenen, die jemand erklimmen muss, bevor es an den Gipfel geht.

Das klingt jetzt spielerisch, aber ich meine es ernst.

Die erste Ebene ist vielleicht Aufmerksamkeit.

Sieht mich dieser Mensch wirklich? Oder sieht er nur eine Rolle, ein Bild, eine Möglichkeit?

Die zweite Ebene ist Stil.

Nicht Geld. Stil. Das ist etwas anderes. Stil kann in einem teuren Restaurant stattfinden, aber auch in einer Pommesbude, wenn der Mensch da ist, wach ist, charmant ist, Humor hat und nicht so tut, als wäre mein Interesse selbstverständlich.

Die dritte Ebene ist Begehren.

Nicht nur seines. Meines auch.

Die vierte Ebene ist Körperlichkeit.

Wie steht er neben mir? Wie riecht er? Wie bewegt er sich? Wie berührt er mich, wenn überhaupt? Kann er Nähe entstehen lassen, ohne sie zu nehmen?

Die fünfte Ebene ist Küssen.

Da entscheidet sich viel.

Und jede Ebene kann die Tür weiter öffnen oder wieder schließen.

Das ist kein Belohnungssystem.

Es gibt keine Treuepunkte. Keine Preisliste. Keine automatische Freischaltung.

Der eine lädt mich vielleicht teuer ein und bekommt am Ende eine Umarmung und einen Kuss auf die Wange.

Der andere bringt weniger äußeren Aufwand mit, trifft aber genau den richtigen Ton, küsst mich, als hätte er verstanden, dass Küssen eine Sprache ist, und bekommt am Ende das volle Programm.

Ja selbstverständlich.

So funktioniert Begehren.

Nicht gerecht im buchhalterischen Sinn.

Aber ehrlich.

Was muss jemand mitbringen?

Wer die Frau für gewisse Stunden erbeuten will — und schon dieses Wort ist natürlich mit einem Augenzwinkern gemeint — muss mehr mitbringen als Bemühen.

Bemühen allein reicht nicht.

Bemühen ist schön. Bemühen ist wichtig. Bemühen kann überhaupt erst zeigen, dass jemand verstanden hat, dass ich nicht nebenbei zu haben bin.

Aber Bemühen ohne Anziehung bleibt Bemühen.

Großzügigkeit ohne Begehren bleibt Großzügigkeit.

Einladung ohne Knistern bleibt Einladung.

Ich kann das alles würdigen und trotzdem Nein sagen.

Was also braucht es?

Vielleicht dies:

Ein Mensch muss mich sehen, ohne mich zu vereinnahmen.

Er muss mich begehren, ohne daraus einen Anspruch zu machen.

Er muss sich Mühe geben, ohne danach eine Rechnung aufzumachen.

Er muss mich hofieren können, ohne mich zu kaufen.

Er muss körperlich in mir etwas auslösen.

Er muss küssen können. Oder zumindest bereit sein, wirklich zu lernen, wie ich geküsst werden will.

Er muss mit meinem Ja umgehen können, ohne es zu besitzen.

Und er muss mit meinem Nein umgehen können, ohne beleidigt zu sein.

Denn die Frau für gewisse Stunden ist nicht verfügbar.

Sie ist möglich.

Das ist ein Unterschied.

Wie zeigt sie sich?

Dann bleibt die Frage: Wie zeigt sich so eine Frau?

Die Femme fatale wäre eine Antwort. Schwarzes Kleid, roter Mund, gefährlicher Blick, alles an ihr sagt: Versuch dein Glück, aber beschwer dich nicht, wenn du verbrennst.

Das Bild hat etwas.

Aber ich müsste dafür eine Rolle spielen. Ich will nicht erst ein Kostüm anziehen, damit jemand merkt, dass da etwas möglich wäre.

Die Frau für gewisse Stunden trägt kein Schild.

Sie ist keine öffentliche Figur. Sie steht nicht im Raum und sagt: Hier wäre ich, wenn du es richtig anstellst.

Sie ist eine Haltung.

Eine Möglichkeit, die nicht jede:r sehen muss. Nicht jedes Gegenüber muss wissen, dass es gerade geprüft wird. Nicht jede Person, die an mir vorbeiläuft, bekommt Auskunft darüber, ob eine Tür existiert.

Ich weiß es.

Und wer gut genug hinsieht, merkt es vielleicht.

Welche gewissen Stunden wären meiner würdig?

Und dann bleibt die andere Frage.

Reicht mir das?

Ich weiß es noch nicht.

Mein Wunsch nach dauerhafter Bindung ist ja nicht weg. Ich wünsche mir nicht nur Stunden. Ich wünsche mir auch Zugehörigkeit. Gesehenwerden. Gewolltwerden. Vielleicht irgendwann wieder eine Beziehung, in der ich nicht nur Gast bin und nicht nur Ereignis, sondern Teil eines Lebens.

Aber vielleicht ist die Frage falsch gestellt.

Nicht: Reicht mir das?

Sondern: Welche gewissen Stunden wären meiner würdig?

Das ist etwas anderes.

Denn ich will nicht weniger sein.

Ich will nicht reduziert werden.

Ich will nicht zur kostenlosen Version einer früheren Dienstleistung werden.

Ich will nicht als Körper ohne Person gemeint sein.

Aber ich will auch nicht so tun, als müsste jede Form von Lust sofort in Richtung Beziehung, Ewigkeit oder gemeinsames Leben zeigen.

Manchmal ist Begehren begrenzt und trotzdem echt.

Manchmal ist eine Nacht nicht weniger wahr, nur weil sie keine Zukunft behauptet.

Manchmal kann eine gewisse Stunde genau deshalb schön sein, weil niemand so tut, als gehöre danach jemandem irgendetwas.

Vielleicht kann ich mir wünschen, dauerhaft geliebt zu werden, und trotzdem anerkennen, dass gewisse Stunden wertvoll sein können.

Nicht als Trostpreis.

Nicht als Ersatz.

Nicht als „mehr bekomme ich wohl nicht“.

Sondern als eigene Form von Begegnung.

Eine Stunde kann wertlos sein, wenn sie leer ist.

Und eine Stunde kann kostbar sein, wenn sie stimmt.

Vorläufige Antwort

Bin ich eine Frau für gewisse Stunden?

Vielleicht.

Aber nicht im alten Sinn.

Nicht käuflich.

Nicht buchbar.

Nicht verfügbar.

Nicht als Dienstleistung ohne Rechnung.

Nicht als Freundin plus, wenn der Begriff nicht passt.

Nicht als Tagesabschnittsgefährtin.

Nicht als kostümierte Femme fatale.

Sondern als Frau, die ihre Zeit, ihre Nähe, ihre Lust und ihren Körper nicht schuldet, sondern schenken kann.

Wenn sie will.

Wenn sie selbst begehrt.

Wenn der andere Mensch mehr mitbringt als Hunger.

Wenn Bemühen nicht zur Forderung wird.

Wenn Großzügigkeit nicht kauft, sondern Raum schafft.

Wenn Küssen eine Sprache ist und kein Überfall.

Wenn mein Ja frei bleibt.

Und mein Nein ebenso.

Dann vielleicht.

Dann könnte ich eine Frau für gewisse Stunden sein.

Dieses Bild gefällt mir:

Eine halb geöffnete Tür.

Dahinter warmes Licht. Bernsteinfarben. Weich. Einladend.

Ich stehe im Türrahmen. Eine Hand liegt leicht am Holz. Ich bin nicht draußen. Ich bin nicht drinnen. Ich trete nicht hindurch.

Ich entscheide.

Ich muss nichts erklären. Ich muss keine Rolle spielen. Ich muss niemanden locken. Ich muss nicht verführen, als wäre Verführung eine Dienstleistung.

Ich bin da.

Ruhig. Wach. Vielleicht ein bisschen amüsiert.

Nicht, weil ich weniger wert bin.

Sondern weil ich selbst entscheide, wem ich welche Tür öffne.

Ich bin möglich. Aber ich bin nicht zu haben.

Und wie weit.


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