– und warum ich mit 57 auf Brautschau gehe
Ich schreibe diesen Text Mitte Juli. Der Pride Month ist vorbei. Die Regenbogenfahnen sind vielerorts wieder eingerollt, die Firmenlogos sind wieder entqueert, und die Welt tut so, als sei jetzt wieder Normalbetrieb. Für mich ist das ein guter Zeitpunkt. Nicht, weil Pride für mich vorbei wäre. Sondern weil ich nicht über Pride schreiben möchte wie über eine Parade, eine Demonstration oder einen Kalendertermin. Ich möchte über Pride schreiben wie über etwas, das sich in mir sortiert hat. Langsam. Umständlich. Manchmal peinlich. Manchmal komisch. Manchmal schmerzhaft. Und manchmal so befreiend, dass ich am liebsten laut lachen möchte. Ich war noch nie auf einer Pride-Demonstration. Das ist vielleicht ein seltsamer Anfang für einen Pride-Text. Aber es ist die Wahrheit. Ich war noch nie auf einer Pride-Demo, ich habe mich noch nie wirklich selbstverständlich in queeren Räumen bewegt, und ich war noch nie in einer Lesbenbar. Ja, ich. Sarah. trans Frau. romantisch ziemlich hart lesbisch. sexuell deutlich komplizierter. Und bisher keine Lesbenbar von innen gesehen. Manchmal ist das Leben wirklich schlecht geschrieben. Oder sehr gut. Je nachdem, wie viel Humor man bereit ist, ihm zuzugestehen. Mein Zugang zu queeren Menschen, queeren Gesprächen und queeren Denkräumen lief bisher vor allem über andere Wege. Unter anderem über meine frühere Mitarbeit im Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e. V. mit Sitz in Berlin. Dort gab es Workshops, Gespräche, Menschen, Erfahrungen. Dort begegnete ich queeren Realitäten nicht als bunte Postkarte, sondern als gelebtem Alltag. Und trotzdem war ich lange nicht „in der Szene“. Nicht so, wie andere das vielleicht sind. Vielleicht ist genau das der Grund, warum dieser Text nicht mit einer Fahne beginnt, sondern mit einer inneren Sortierung. Denn mein Pride-Weg begann nicht auf der Straße. Er begann in meinem Kopf. Und wie so vieles in meinem Kopf begann er früher, als ich es damals verstanden habe.Vorher war ich auf beiden Wegen heterosexuell
Vor meiner Transition führte ich nach außen ein sehr heterosexuelles Leben. Das ist der einfache Satz. Der komplizierte Satz ist: Innerlich war Sarah schon lange da. Ich kann nicht mehr auf den Tag genau sagen, wann sie sich in mir festgesetzt hat. Aber ungefähr mit 25 war sie nicht mehr nur ein Gedanke, nicht mehr nur ein Bild, nicht mehr nur eine Fantasie. Sie war da. Nicht vollständig gelebt, nicht öffentlich, nicht benannt wie heute. Aber sie war da. Und mit ihr war auch ihre Sexualität da. Von außen betrachtet hätte man vielleicht sagen können: Da ist ein Mann, der mit Frauen schläft, und irgendwo in ihm gibt es auch ein Begehren nach Männern. Also bisexuell. Nur habe ich das damals nicht so erlebt. Ich habe es nicht als Bisexualität verstanden. Ich habe es als zwei heterosexuelle Logiken erlebt. Die nach außen männlich gelesene Version von mir hatte mit Frauen zu tun. Sarah in mir hatte mit Männern zu tun. In meinem damaligen inneren Erleben war das kein Widerspruch. Es waren zwei Wege. Zwei Perspektiven. Zwei Wahrheiten, die damals noch nicht miteinander sprechen konnten. Sarah wäre damals nicht mit einer Frau ins Bett gegangen. Der Typ wäre damals nicht mit einem Mann ins Bett gegangen. Heute kann ich das hinschreiben und muss selbst ein wenig die Augenbraue heben. Ja, natürlich klingt das kompliziert. Vielleicht war es auch eine wirre Verkettung in meinem Kopf. Aber es war meine Verkettung. Und sie erklärt etwas, das für mich wichtig ist: Vor meinem Coming-out war ich in meinem eigenen Erleben weder schwul noch lesbisch. Ich war auf beiden Wegen heterosexuell unterwegs. Nur war einer dieser Wege damals nicht sichtbar. Das ist kein Satz für ein Lehrbuch. Das ist kein Modell, das ich anderen Menschen überstülpen möchte. Es ist einfach die ehrlichste Beschreibung dessen, wie ich mich damals selbst wahrgenommen habe. Und dann kam das Coming-out.Nach dem Coming-out war Sarah erstmal heterosexuell
Nach meinem Coming-out war für mich zunächst klar: Sarah war schon immer heterosexuell. Das fühlte sich logisch an. Fast beruhigend. Wenn Sarah die Wahrheit war, und Sarah in meinem Kopf immer Männer begehrt hatte, dann war doch alles klar. Dann war Sarah heterosexuell. Punkt. Ende. Schleife drum. Mein vorheriges Ich war nicht mehr die gelebte Realität. Warum sollte ich also lesbisch sein? Warum sollte ich den Bezug zu Frauen weiterverfolgen, wenn dieser Bezug doch scheinbar zu einer alten, männlich gelesenen Version gehörte, die nicht mehr mein Leben bestimmte? Ich baute mir also innerlich ein heterosexuelles Sarah-Leben. Das war nicht falsch. Aber es war unvollständig. Und das ist vielleicht eine der großen Zumutungen der Transition: Man glaubt irgendwann, man habe endlich die große Wahrheit gefunden. Und dann stellt sich heraus, dass die große Wahrheit nicht das Ende ist, sondern der Anfang der nächsten Sortierung. Ich war nach meinem Coming-out nicht plötzlich fertig. Ich war sichtbar. Ich war benannt. Ich war juristisch irgendwann auf dem richtigen Weg. Ich war medizinisch auf dem richtigen Weg. Ich war sozial auf dem richtigen Weg. Aber innerlich war noch lange nicht alles sortiert. Ich sage manchmal, dass ich als Sarah jetzt ungefähr sechs Jahre alt bin. Das meine ich nicht kindlich. Ich meine es biografisch. Sarah existierte lange vorher in mir, aber Sarah lebt erst seit einigen Jahren wirklich sichtbar in der Welt. Und diese Welt musste sie kennenlernen. Nicht als Idee. Nicht als geheime innere Figur. Sondern als Frau, die angesprochen wird, angesehen wird, begehrt wird, abgelehnt wird, vermisst wird, geliebt werden möchte und manchmal selbst nicht weiß, wohin mit all diesen neuen alten Gefühlen. Dann kam die Pandemie. Für viele Menschen war diese Zeit Isolation, Stillstand, Enge. Für mich war sie das auch. Aber sie war zusätzlich ein Denkraum. Ein unfreiwilliges Labor. Ein Raum, in dem ich mich selbst hören musste, weil draußen nicht viel war, was mich ablenkte. Ich vermute, dass viele trans* Menschen in dieser Zeit sortiert haben. Nicht alle auf dieselbe Weise. Nicht alle mit demselben Ergebnis. Aber wenn die Welt draußen stiller wird, wird innen manches lauter. Bei mir wurde lauter: Sarah ist nicht so einfach heterosexuell, wie sie erst dachte.Ich begehrte Männer – aber verliebte mich in Frauen
Irgendwann merkte ich etwas, das ich zunächst nicht sofort einordnen konnte. Männer konnten mich sexuell reizen. Das ist bis heute so. Ich schreibe das bewusst klar hin, weil ich keine Lust habe, um Wörter herumzutanzen, die zum Thema gehören. Ja, ein Penis kann mich interessieren. Ja, männliche Körperlichkeit kann mich reizen. Ja, es gibt ein Begehren in mir, das auf Männer anspringt. Aber Verlieben? Dieses schnelle innere Bild von „Wie wäre es mit uns zweien?“ Dieses Zukunftsgefühl? Dieses Sehnen? Dieses „Da könnte etwas Dauerhaftes draus werden“? Das passierte bei Frauen. Nicht ausschließlich, wie ich später feststellen musste. Das Leben liebt Ausnahmen. Und manchmal wirft es einem einen Menschen vor die Füße, der die ganze schöne Theorie zerlegt. Ich habe mich auch heftig in einen Mann verliebt. Das war kein Versehen, kein Ausrutscher, kein Betriebsunfall meiner Identität. Es war echt. Aber grundsätzlich merkte ich: Romantisch schlägt mein Herz viel schneller in Richtung Frauen. Bei Frauen entsteht dieses Gefühl früher. Tiefer. Unmittelbarer. Es ist, als würde mein inneres Zuhause schneller reagieren. Und damit wurde die schöne heterosexuelle Sarah-Erklärung brüchig. Vielleicht war Sarah nicht einfach heterosexuell. Vielleicht war Sarah romantisch lesbisch und sexuell bisexuell. Das war eine Weile eine sehr brauchbare Beschreibung. Romantisch lesbisch. Sexuell bisexuell. Ich verliebe mich vorrangig in Frauen. Ich möchte Frauen nahe sein. Ich möchte einer femininen, lesbischen Top nahekommen, um das einmal so klar zu sagen, wie es in meinem Kopf steht. Da ist ein Bild, eine Sehnsucht, eine romantische Richtung, die nicht zufällig ist. Gleichzeitig sind sexuelle oder romantische Beziehungen zu Männern keine Unfälle. Ein Mann kann mich reizen. Ein Mann kann mich berühren. Ein Mann kann wichtig werden. Ein Mann kann sogar geliebt werden. Aber bis daraus etwas entsteht, das für mich beziehungstauglich wirkt, dauert es bei Männern länger. Es ist nicht ausgeschlossen. Es ist nur nicht mein schnellster romantischer Weg. Bei Frauen ist der Weg kürzer. Und manchmal ist genau das die Wahrheit: nicht „entweder oder“, sondern „hier schneller, dort anders“.Penis ist kein Schimpfwort
An dieser Stelle könnte man natürlich versuchen, besonders zart zu formulieren. Ich könnte schreiben: „Männer können mir körperlich etwas geben, was Frauen mir in dieser Form nicht geben können.“ Das stimmt. Aber ich kann auch einfach schreiben: Männer können mir einen Penis geben. So. Da steht er jetzt. Der Penis. Er ist kein Schimpfwort. Er ist kein Skandal. Er ist ein Körperteil. In meinem bisherigen Leben war er sogar ein ziemlich zentrales Körperteil, wenn auch nicht immer in der Rolle, die ich mir gewünscht hätte. Und ja, wenn ich einen Penis will, dann date ich einen Mann. Das wertet Männer nicht ab. Das reduziert Männer nicht auf ihren Penis. Es beschreibt nur ehrlich einen Teil meines Begehrens. Gleichzeitig gilt: Wenn ich eine Frau liebe, fehlt mir kein Mann. Und wenn ich einer Frau nahe bin, fehlt mir nicht automatisch ein Penis. Das ist wichtig. Denn natürlich gibt es in lesbischer Sexualität Penetration. Natürlich gibt es Dildos, Strap-ons und Spielzeuge. Natürlich gibt es Fantasien, Praktiken und Körperwünsche, die nicht dadurch verschwinden, dass Männer als Sexualpartner nicht im Zentrum stehen. Aber das bedeutet nicht, dass Frauen in lesbischer Sexualität „Männer ersetzen“. Das wäre Unsinn. Eine Frau ist kein Ersatzmann. Ein Dildo ist kein schlechterer Mann. Ein Strap-on ist kein Penis mit Bindungsangst. Und eine lesbische Sexualität ist nicht die umständliche Variante von Heterosexualität. Wenn ich mit einer Frau zusammen bin, bin ich mit einer Frau zusammen. Dann begehre ich sie. Ihre Stimme. Ihre Haut. Ihre Gegenwart. Ihre Art, mich anzusehen. Ihre Hände. Ihr Denken. Ihre Kleidung. Ihre Haltung. Ihre Weichheit, ihre Härte, ihre Lust, ihre Führung, ihr Zögern, ihr Mut. Wenn ich einen Mann begehre, begehre ich einen Mann. Und wenn ich einen Penis will, will ich einen Penis. Das ist nicht romantisch kompliziert. Das ist erstmal körperlich klar. Die Schwierigkeit beginnt nicht beim Körper. Die Schwierigkeit beginnt bei Beziehung.Was passiert, wenn meine Sexualität wandert?
Ich hatte seit meinem Coming-out keine feste Beziehung. Das hat viele Gründe. Aber einer davon ist: Ich weiß noch nicht endgültig, wie ich eine Beziehung leben würde, wenn meine Sexualität sich innerhalb dieser Beziehung verschiebt. Denn das ist etwas, das ich über mich gelernt habe: Meine sexuelle Identität ist nicht starr. Sie ist kein Schild an einer Tür, auf dem steht: „Heute geöffnet nur für Frauen“ oder „Ab sofort ausschließlich Männer“. Sie bewegt sich. Manchmal habe ich stärkeres sexuelles Verlangen nach Frauen. Manchmal stärkeres sexuelles Verlangen nach Männern. Manchmal denke ich romantisch sehr klar in Richtung Frau und körperlich zwischendurch in Richtung Mann. Manchmal könnte auch das Gegenteil passieren. Ich kann eine Frau lieben und trotzdem irgendwann einen Mann begehren. Ich kann einen Mann lieben und trotzdem irgendwann eine Frau begehren. Das macht die Liebe nicht falsch. Aber es macht Beziehung nicht automatisch einfach. Ich habe mich mit Bisexualität beschäftigt. Mit dem, was manche als wechselnde Phasen beschreiben. Mit der Erfahrung, dass Anziehung sich verschieben kann, ohne dass die Liebe zu einem konkreten Menschen verschwindet. Die Dauer solcher Phasen lässt sich nicht planen. Sie kann kurz sein. Lang. Wiederkommen. Verschwinden. Sich verändern. Das ist für mich eine echte Frage: Wie lebt man verlässlich, wenn das Begehren beweglich ist? Wie liebt man treu, wenn die eigene Sexualität nicht immer brav neben der romantischen Bindung sitzen bleibt? Wie sagt man einem Partnermenschen: „Ich liebe dich hemmungslos, aber meine Sexualität zieht gerade in eine andere Richtung“, ohne dass dieser Satz wie eine Drohung klingt? Ich habe darauf noch keine fertige Antwort. Vielleicht gibt es auch nicht die eine Antwort. Vielleicht gibt es nur Ehrlichkeit, Absprachen, Grenzen, Vertrauen, Mut und die Bereitschaft, nicht erst dann über Sexualität zu sprechen, wenn sie schon als Problem im Raum steht. Aber ich weiß: Ich möchte keine Beziehung führen, in der ich einen wichtigen Teil von mir verstecken muss. Ich möchte keine Frau lieben und so tun, als gäbe es in mir kein Begehren nach Männern. Ich möchte keinen Mann lieben und so tun, als gäbe es in mir keine Sehnsucht nach Frauen. Und ich möchte schon gar nicht eine Partnerperson zur Lösung meiner Identität machen. Kein Mensch kann die ganze Landkarte eines anderen Menschen sein. Vielleicht ist das unbequem. Aber Pride ist für mich nicht nur die Feier dessen, was gut auf ein Plakat passt. Pride ist auch die Weigerung, sich selbst passend zu lügen.Cis Körper, trans Körper und mein eigenes Umlernen
Lange Zeit reagierte meine Anziehung besonders stark auf cis Menschen. Cis bedeutet: Ein Mensch identifiziert sich mit dem Geschlecht, das ihm bei der Geburt zugewiesen wurde. Eine cis Frau wurde bei der Geburt als weiblich eingeordnet und lebt als Frau. Ein cis Mann wurde bei der Geburt als männlich eingeordnet und lebt als Mann. Das war lange mein innerer Normalfall. Nicht, weil ich bewusst andere Menschen ausschließen wollte. Sondern weil ich in meiner Aufzucht und Pflege, um es mal trocken zu sagen, kaum etwas anderes kennengelernt hatte. Mein wirkliches Wissen über trans Menschen setzte erst einige Jahre vor meinem Coming-out ein. Vielleicht sechs Jahre vorher. So ungefähr. Ich kann es nicht genau festnageln. Vorher gab es Ahnungen, Bilder, Fragmente, mediale Verzerrungen, aber kein echtes Verständnis. Und selbst als ich mich selbst als trans Frau verstand, verstand ich andere trans Wege noch lange nicht automatisch. Für mich war meine binäre Transition klar. Mann zu Frau. Coming-out. Juristische Transition. Medizinische Transition. Genitalfeminisierende Operation. Brustaugmentation. Weitere feminisierende Maßnahmen, wenn sie für mich stimmig sind. Das ist mein Weg. Und für mich ist dieser Weg richtig. Nicht halb richtig. Nicht vielleicht richtig. Richtig. Ich stehe vor meiner genitalfeminisierenden Operation im August 2026, und sie ist für mich kein kosmetischer Bonus, sondern ein zentraler Schritt. Mein Körper soll mit mir mitkommen. Ich möchte eine Vulva. Ich möchte einen Körper, der meinem inneren Wissen näherkommt. Ich möchte nicht mehr über ein Körperteil definiert werden, das für andere Menschen vielleicht nur Neugier oder Schock ist, für mich aber viel mehr Geschichte trägt. Für mich gehört das dazu. Aber ich habe lange gebraucht, um zu verstehen: Nur weil es für mich dazugehört, gehört es nicht für alle dazu. Es gibt trans Männer, die noch Kinder haben möchten. Es gibt trans Frauen, die noch Kinder zeugen möchten. Es gibt bestehende Beziehungen, in denen Menschen miteinander Wege finden. Es gibt Körper, die anders geliebt werden. Es gibt medizinische Gründe, soziale Gründe, finanzielle Gründe, psychische Gründe, politische Gründe. Und es gibt vor allem Selbstverständnisse, die nicht meine sind und trotzdem gültig bleiben. Ich dachte lange: Das ist der Weg. Alle gehen ihn. Bis ich begriff: Nein. Das ist mein Weg. Andere Menschen gehen andere Wege. Und sie müssen mich nicht um Erlaubnis bitten. Besonders schwer fiel mir lange das Verständnis für nicht-binäre Menschen. Noch schwerer für nicht-binäre transfeminine Menschen. Also Menschen, die sich nicht eindeutig als Mann oder Frau verstehen, aber eine Bewegung in Richtung Weiblichkeit oder Femininität haben. Ich las darüber, nickte vielleicht, verstand aber nicht wirklich. Bis ich auf einem Workshop mit einer solchen Person sprach. Nicht las. Nicht theoretisch konsumierte. Sprach. Und irgendwann machte es Klick. Nicht in dem Sinne, dass ich plötzlich alles vollständig nachvollziehen konnte. Das war gar nicht der Punkt. Der Klick war ein anderer: Ich muss Queerness nicht vollständig verstehen. Ich muss sie nicht in mir nachbauen können. Ich muss nicht jede Entscheidung eines anderen Menschen innerlich mitgehen können. Niemand ist mir eine Erklärung schuldig, warum diese Person anders lebt, anders entscheidet, anders begehrt, anders transitioniert oder eben nicht transitioniert. Das war ein wichtiger Moment. Denn er hat nicht nur mein Denken über andere Menschen verändert. Er hat mein Begehren verändert. Oder vielleicht besser: Er hat meinem Begehren erlaubt, ehrlicher zu werden.Ich kann Menschen nur vor die Kleidung gucken
Heute weiß ich: Ich kann Menschen nur vor die Kleidung gucken. Das klingt banal, ist aber für mich ein Schlüsselsatz. Wenn ich einem Menschen begegne, sehe ich Ausstrahlung. Kleidung. Haltung. Stimme. Blick. Bewegung. Präsenz. Geist, sobald ein Gespräch beginnt. Ich sehe Weiblichkeit, Männlichkeit, Androgynität, Wucht, Zartheit, Eleganz, Schärfe, Humor, Wärme. Ich sehe vieles. Aber ich weiß nicht, welcher Körper darunter ist. Und inzwischen merke ich: Das muss ich vorher auch nicht wissen. Wenn mich eine nicht-binäre transfeminine Person anspricht, weil da etwas Weibliches ist, etwas Kluges, etwas Schönes, etwas Begehrenswertes, dann ist nicht entscheidend, ob diese Person einen Penis hat oder nicht. Wenn mir ein trans Mann begegnet und ich denke: Wow, dann ist dieses Wow nicht automatisch ungültig, nur weil sein Körper vielleicht nicht operiert ist. Wenn ich einen Menschen begehre, warum sollte ich genau in dem Moment aufhören, in dem ich mehr über seinen Körper erfahre? Das ist eine Frage, die ich mir selbst stellen musste. Denn ich kenne die andere Seite. Ich befinde mich selbst noch vor meiner genitalfeminisierenden Operation. Wenn ein Mann mich jetzt sieht, mich begehrt, mich ausziehen möchte und dann erschrickt, weil zwischen meinen Beinen noch etwas ist, das nicht in sein Bild passt, dann trifft mich das. Natürlich trifft mich das. Ich will nicht begehrt werden, solange ich angezogen bin, und abgelehnt werden, sobald mein Körper die Fantasie eines anderen Menschen stört. Ich möchte gesehen werden. Ich möchte betrachtet werden. Ich möchte begehrt werden. Und wenn mich jemand auszieht, dann soll dieser Mensch das nehmen, was er bekommt. Nicht aus Pflicht. Nicht aus Mitleid. Nicht aus politischer Korrektheit. Sondern weil das Begehren dann mir gilt. Nicht nur der Erwartung an meinen Körper. Und genau deshalb kann ich anderen Menschen nicht das verweigern, was ich selbst erhoffe. Wenn ich einen Menschen begehre, gehört der Körper dieses Menschen dazu. So, wie er ist. Mit Penis. Mit Vulva. Mit Brüsten. Ohne Brüste. Mit Narben. Ohne Operation. Mit Operation. Mit Geschichte. Mit Zukunft. Mit allem, was dieser Körper erzählt und verschweigt. Das bedeutet nicht, dass ich keine Vorlieben habe. Natürlich habe ich Vorlieben. Jeder Mensch hat Vorlieben. Niemand steht völlig neutral in der Welt und sagt: „Ob blond, ob braun, ich liebe alle Frauen.“ Schön wär’s vielleicht, aber so funktionieren Menschen selten. Wir reagieren auf Dinge. Auf Haare. Hände. Stimmen. Kleidung. Geruch. Haltung. Intelligenz. Humor. Macht. Weichheit. Dominanz. Unsicherheit. Augen. Lippen. Schultern. Gang. Auf irgendetwas. Wir sind nicht so tief, wie wir gern wären, und nicht so oberflächlich, wie wir manchmal fürchten. Aber die konkrete Körperlichkeit unter der Kleidung ist für mein erstes Begehren inzwischen nicht mehr der Ausschlussknopf, der sie früher vielleicht gewesen wäre. Ich habe keine Angst mehr davor, dass der Körper, den ich sehe, nicht dem Körper entspricht, den mein Kopf erwartet hat. Das ist neu. Und das ist Freiheit.Also was bin ich denn nun?
Wenn ich heute die Schublade aufmachen müsste, dann würde ich sagen: Romantisch bin ich lesbisch. Hart. Ich verliebe mich vorrangig in Frauen. Ich möchte Frauen nahe sein. Ich sehne mich nach Frauen. Ich denke schneller in Richtung Zukunft, wenn eine Frau mein Herz berührt. Eine feminine, lesbische Top ist für mein romantisches und erotisches Kopfkino kein kleines Randbild, sondern ziemlich nah am Zentrum. Sexuelle und/oder romantische Beziehungen zu Männern sind deswegen nicht ausgeschlossen. Sie sind keine Unfälle. Aber sie sind nachgeordnet. Bei Männern dauert es länger, bis aus Begehren etwas wird, das für mich Beziehung heißen könnte. Nicht unmöglich. Nur seltener. Anders. Langsamer. Und sexuell? Am Ende lande ich bei pansexuell. Nicht, weil mir Geschlecht egal wäre. Das ist es nicht. Geschlecht spielt eine Rolle. Weiblichkeit spielt eine große Rolle. Männlichkeit kann eine Rolle spielen. Ausdruck, Kleidung, Stimme, Energie – all das ist nicht egal. Aber der konkrete Körper unter der Kleidung ist nicht mehr das entscheidende Ausschlusskriterium. Pansexuell bedeutet für mich nicht: Alle Menschen sind gleich begehrenswert. Das wäre Unsinn. Pansexuell bedeutet für mich: Mein Begehren ist nicht grundsätzlich davon abhängig, ob der Körper eines Menschen meiner ursprünglichen Erwartung entspricht. Ich kann einen Menschen begehren, und dieser Mensch bringt seinen Körper mit. Nicht umgekehrt. Das ist die Formel, die heute am ehesten stimmt: Romantisch lesbisch. Sexuell pansexuell. Männer möglich, aber nicht mein romantischer Hauptweg. Frauen mein schnelleres Zuhause. Körperlichkeit offen. Zustimmung unverhandelbar. Begehren nur, wenn es auf Gegenseitigkeit trifft. Das ist keine perfekte Schublade. Aber es ist meine aktuell ehrlichste. Und vielleicht ist genau das die erwachsene Erkenntnis: Eine Schublade muss nicht perfekt sein. Sie muss nur ehrlich genug sein, dass ich nicht darin ersticke.Warum Pride für mich nicht nur Pride Month ist
Ich glaube, viele cis Menschen verstehen trans Menschen nicht vollständig. Das ist kein Vorwurf. Wie sollten sie auch? Viele cis Menschen mussten nie so tief in sich hinabsteigen, um zu prüfen, wer sie sind. Sie mussten ihr Geschlecht nicht erklären. Sie mussten ihren Körper nicht vor Behörden, Ärzt:innen, Gutachter:innen, Familien, Kolleg:innen, Fremden und manchmal sogar vor sich selbst rechtfertigen. Sie mussten sich nicht fragen, ob ihr Begehren eigentlich zu ihrer Rolle passt oder nur zu der Rolle, die ihnen die Welt gegeben hat. Viele cis Menschen mussten nicht erleben, dass Identität nicht nur ein inneres Gefühl ist, sondern Papierkram, Medizin, Risiko, Kosten, Mut, Scham, Bürokratie, Kleidung, Stimme, Bartschatten, Toiletten, Datingprofile, Krankenhausaufenthalte, Namensschilder und fremde Blicke. Sie mussten nicht lernen, dass ein Körper politisch werden kann, obwohl man eigentlich nur in Ruhe leben möchte. Aber sie müssen das auch nicht vollständig verstehen. Niemand muss mich vollständig verstehen, um mich zu respektieren. Niemand muss meinen Weg innerlich nachlaufen, um mich ernst zu nehmen. Niemand muss wissen, wie es sich anfühlt, Sarah erst im Kopf zu sein und dann in der Welt, um mir zu glauben, dass es so war. Und niemand muss meine Sexualität vollständig sortieren können, um mich begehrenswert zu finden. Wenn ein cis Mensch mich begehrt und dieses Begehren bei mir auf Gegenseitigkeit, Zustimmung und Offenheit trifft, dann bitte. Dann soll es geschehen. Pride bedeutet für mich nicht, dass alle alles verstehen. Pride bedeutet für mich, dass ich nicht mehr darum bettle, verstanden zu werden, bevor ich existieren darf.
Sieben Aufstellungen, eine Frau – ich auf der queeren Waage
Vor ein paar Wochen, am 23. Juni 2026, habe ich mich einmal ganz bewusst auf die queere Waage gestellt. Nicht, um mich zu sortieren wie Akten, sondern um ehrlich hinzuschauen: Was wiegt bei mir gerade wie viel? Sieben Mal dieselbe Frau – ich –, jede Version in den Farben einer Flagge, die zu mir gehört. Kein Kostümfest, sondern ein datiertes Selbstporträt: So stehe ich am 23. Juni. Und die Aufstellung darf sich verschieben, ohne falsch zu werden.
Und jetzt, Mitte Juli, während ich diesen Text schreibe, schaue ich noch einmal auf diese Waage – und es fühlt sich immer noch sehr richtig an.
Über allem steht die Progress Pride Flag – nicht als eine weitere Orientierung, sondern als Dach. In der Mitte, frontal, beide Hände in die Hüften: Sie hält die anderen, statt eine von ihnen zu sein.
Und darunter, gewichtet, wie es heute stimmt:
- trans Frau, 10/10 – keine Randnotiz, sondern die biografische Achse, an der Kunst, Dating, Körpergefühl, Sprache und Schreiben hängen. Ich bin nicht „auch noch“ trans. Ich bin Sarah.
- queere Frau, 9/10 – kein dekoratives Etikett, sondern ein Lebensraum, den ich gerade aktiv stärker betrete.
- romantisch lesbisch, 8,5/10 – Frauen lösen bei mir schneller Zukunftsgefühl und Verliebtsein aus; die lesbische Flagge gehört vorne mit dazu.
- pansexuell / körperoffen, 7,5/10 – nicht „Geschlecht egal“, es spielt eine Rolle. Aber eine Frau mit Penis wäre nicht automatisch raus, ein Mann mit Gebärorganen auch nicht. Entscheidend sind Mensch, Ausstrahlung, Begehren, Zustimmung.
- bisexuell, 5,5/10 – eine historische Brücke, die ich mir nicht wegnehme; heute aber zu grob.
- BDSM / Kink – persönlich stark, als Pride-Kategorie am Rand. Halsband und O-Ring sind kein Schmuck, sondern Symbol: Weiblichkeit, Selbstbestimmung, Begehren und Sichtbarkeit zugleich. Im Bild ganz außen, in komplettem Schwarz – aber ein kleiner Regenbogen-Anhänger sagt: doch Teil der Familie.
Dass „Trans“ im Bild zweimal vorkommt, ist kein Versehen. Es ist die einzige Schicht, die durch die ganze Reihe hindurchgeht: einmal als fließende Diva im weißen Kleid mit Schleier – Pathos, Bühne, Sehnsucht –, einmal alltagstauglich in blauer Hose und rosa Blazer – Büro, Alltag, Bodenständigkeit. Dieselbe trans Frau in zwei Registern. Beides bin ich.
Und ebenso wichtig: was nicht dazugehört. Ich bin trans, aber nicht intersex. Ich bin Frau, nicht nichtbinär. Männer kommen in meinem Begehren vor – aber aus meiner Position als Frau. Sauber getrennt, ohne mir etwas anzueignen, das nicht meins ist.
Kurzformel, wenn es eine braucht: Trans Pride + Lesbian Pride + Pan Pride, unter dem Dach der Progress Pride Flag.
Und jetzt?
2026 ist für mich nicht das Jahr, in dem ich endlich alle queeren Räume betrete. Ich hatte mir das einmal vorgenommen. Lesbenbar. Community. Dating. Mehr Bewegung. Mehr Begegnung. Mehr echtes Leben außerhalb meines Kopfes. Aber 2026 ist größer geworden. Im August steht meine genitalfeminisierende Operation an. Danach kommen Krankenhaus, Heilung, Nachsorge, Geduld, Schmerzen, neue Routinen, neue Körperwahrnehmung, neue Selbstverständlichkeit. Das ist nicht nur ein medizinischer Eingriff. Das ist ein Einschnitt in meine Biografie. 2026 ist das Jahr der großen körperlichen Veränderung. Vielleicht auch der Erinnerung. Vielleicht auch der Versöhnung. Vielleicht ist 2026 das Jahr, in dem ich nicht auf Brautschau gehe, sondern mich selbst körperlich noch einmal neu abhole. Und ja, da sitzt noch dieses kleine Teufelchen auf meiner Schulter. Oder Engelchen. Je nach Tagesform. Es flüstert: Für eine Lesbenbar bist du nach der Operation untenrum richtiger. Ich weiß, dass das ein Vorurteil ist. Ich weiß, dass das nicht sauber ist. Ich weiß, dass es Lesben gibt, die trans Frauen mit Penis begehren. Ich weiß, dass es Lesben gibt, die trans Frauen ohne Operation als Frauen sehen. Ich weiß, dass queere Räume im besten Fall nicht erst zwischen die Beine gucken, bevor sie Menschen einlassen. Und trotzdem sitzt dieser Gedanke da. Vielleicht ist auch das Teil meines Pride-Weges: nicht so zu tun, als sei ich innerlich schon völlig frei von den Vorurteilen, vor denen ich selbst Angst habe. Ich bin offen. Aber ich bin nicht fertig. Ich bin mutig. Aber nicht immer furchtlos. Ich bin trans. Ich bin Frau. Ich bin romantisch lesbisch. Ich bin sexuell pansexuell. Ich bin manchmal deutlich, manchmal unsicher, manchmal sehr körperlich, manchmal sehr kopfig, manchmal zu spät dran und manchmal genau richtig. Ich war noch nie auf einer Pride-Demonstration. Ich war noch nie in einer Lesbenbar. Aber ich habe sechs Jahre lang gelernt, dass mein Begehren nicht kleiner wird, nur weil es beweglich ist. Ich habe gelernt, dass mein Körper nicht erst perfekt sein muss, um begehrt werden zu dürfen. Ich habe gelernt, dass andere Menschen mir ihre Queerness nicht erklären müssen. Ich habe gelernt, dass ich Dinge beim Namen nennen darf: Penis, Vulva, Lust, Sehnsucht, Angst, Liebe. Und ich habe gelernt, dass Pride nicht unbedingt dort beginnt, wo Musik läuft und Menschen tanzen. Manchmal beginnt Pride an einem sehr stillen Ort. In einem Menschen, der endlich aufhört, sich selbst passend zu lügen. 2026 wird mein Jahr der Veränderung. Und 2027? Da gehe ich mit 57 auf Brautschau. Frisch. Frei. Untenrum hoffentlich endlich richtig für mich. Und obenrum sowieso schon lange Sarah.Gefällt dir, was ich schreibe? Über jede Unterstützung freue ich mich sehr: PayPal

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