Die Geliebte – Im Interview


Sarah Jessica Mewes im Gespräch mit einer Interviewerin vor dunklem Hintergrund, beide einander zugewandt, Sarah trägt burgunderfarbenes Samtkleid und schwarzes Halsband mit Ring.

Sarah im Gespräch mit Daniela

Es gibt Gespräche, die plant man, bevor man weiß, wie genau sie einmal in das eigene Leben passen werden.

Dieses Gespräch mit Daniela war so eines.

Die Idee dazu war älter als der Mann, der mir in den letzten Tagen so deutlich im Kopf herumging. Älter als diese Nachrichten, älter als mein inneres Hin und Her, älter als die Frage, ob aus einer Möglichkeit irgendwann eine Begegnung wird. Und trotzdem saß ich dann vor dem Zoom-Fenster und merkte: Dieses Thema hatte längst auf mich gewartet.

Ich schreibe seit einiger Zeit an meiner Reihe „Die Geliebte“. Nicht als romantische Verkleidung. Nicht als nostalgisches Wort aus alten Filmen. Nicht als weiches Drama zweier Menschen, die sich angeblich nur zu spät gefunden haben.

Die Geliebte ist für mich eine reale Rolle.

Eine Frau trifft auf einen gebundenen Mann. Sie weiß, dass er gebunden ist. Sie weiß, dass da ein anderes Leben existiert. Eine Partnerin. Eine Ehefrau. Kinder vielleicht. Alltag. Geschichte. Verpflichtung. Und trotzdem entsteht etwas: Begehren, Sex, Neugier, Heimlichkeit, Nähe, vielleicht Gefühl.

Aber nicht jede Geliebte wird geliebt.

Das ist ein wichtiger Satz. Vielleicht sogar der wichtigste Satz dieser ganzen Reihe.

Die Geliebte heißt nicht so, weil der Mann sie automatisch liebt. Oft heißt sie nur so, weil es kein besseres deutsches Wort gibt für diese zweite Frau, die begehrt wird, die gevögelt wird, die heimlich getroffen wird, die vielleicht emotional mehr hineinlegt als der Mann, der abends wieder in sein eigentliches Leben zurückgeht.

Ich wollte darüber nicht nur mit mir selbst schreiben. Ich wollte mit einer Frau sprechen, die nicht nur vor der Schwelle steht, sondern längst in so einer Verbindung lebt. Daniela kenne ich seit fast acht Jahren. Sie kannte mich schon vor meiner Transition, vor meinem Coming-out, vor vielen der Schritte, die heute selbstverständlich zu meinem Leben gehören. Wir kennen uns aus einer gemeinsamen Szene, aus Gesprächen, aus Jahren, aus einer Vertrautheit, die nicht erklärt werden muss.

Also haben wir gesprochen.

Über Zoom. Mehrere Stunden. Offen, direkt, manchmal abschweifend, manchmal sehr nah am eigentlichen Thema, manchmal weit davon entfernt und dann plötzlich wieder mitten hinein. Dieses Gespräch war kein sauberes Interview mit Karteikarten. Es war eher ein Gespräch zwischen zwei Frauen, die an unterschiedlichen Stellen desselben Themas stehen.

Daniela lebt seit längerer Zeit mit einem gebundenen Mann eine Verbindung. Ich dagegen stand zum Zeitpunkt unseres Gesprächs noch vor allem: vor einem möglichen ersten Date, vor einer möglichen körperlichen Begegnung, vor der Frage, ob aus Schreiben, Denken und Begehren überhaupt etwas Reales werden würde.

Sie spricht aus Erfahrung.

Ich spreche von der Schwelle.

Und genau daraus entstand die Spannung.

Die folgenden Gesprächspassagen sind keine stenografischen Wortprotokolle. Sie sind aus dem aufgezeichneten Gespräch und der späteren Zusammenfassung heraus sinngemäß verdichtet. Der Sinn, die Haltung und die Schärfe des Gesprächs sollen erhalten bleiben. Namen der beteiligten Männer bleiben draußen. Es geht nicht um Enthüllung. Es geht um Perspektiven.


Zwei Frauen, zwei Ausgangspunkte

Ich habe Daniela nicht eingeladen, weil ich eine moralische Kronzeugin brauchte. Ich wollte sie nicht benutzen, um mich selbst zu entlasten. Ich wollte auch nicht, dass sie mir erklärt, ob ich etwas darf oder nicht.

Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt.

Nicht theoretisch. Nicht in der Kommentarspalte. Nicht in der sicheren Haltung derjenigen, die immer genau wissen, was andere Menschen moralisch tun oder lassen sollten.

Sondern aus dem Leben heraus.

Daniela hat eine Verbindung mit einem gebundenen Mann. Sie hat außerdem auch andere Männer. Sie ist alleinerziehende Mutter von vier Kindern. Das jüngste Kind ist zwölf, das älteste zweiundzwanzig. Die Kinder sind aus dem Gröbsten heraus, wie man so sagt, aber Familie ist nicht einfach eine Kulisse, die verschwindet, sobald eine Frau begehrt werden will.

Familie geht vor.

Das war einer der Sätze, die bei ihr immer wieder unter allem lagen.

Daniela: „Ich kann nicht einfach alles stehen und liegen lassen. Da sind Kinder. Da ist Alltag. Das ist nicht immer schwer, aber es ist auch nicht einfach. Es ist halt mein Leben.“

Bei mir ist das anders.

Ich lebe allein. Ich kann mich in ein Thema hineinsetzen und darin verschwinden. Ich kann schreiben, warten, Nachrichten lesen, zehnmal über denselben Satz nachdenken und noch ein elftes Mal. Das klingt nach Freiheit. Und es ist Freiheit. Aber es ist auch gefährlich.

Denn wenn etwas weh tut, habe ich viel Platz dafür.

Daniela hat weniger Beweglichkeit, aber vielleicht auch weniger Raum zum Grübeln. Wenn bei ihr etwas bricht, stehen trotzdem Kinder in der Tür. Es muss gekocht werden. Es muss organisiert werden. Es gibt Termine, Bedürfnisse, Stimmen im Haus. Das Leben zieht weiter, auch wenn das Herz gerade etwas anderes will.

Bei mir kann Schmerz sich ausbreiten.

Ich kann ihn wochenlang ausbrüten, wenn ich nicht aufpasse.

Sarah: „Du hast weniger Freiheit als ich. Aber vielleicht hast du auch mehr Leben um dich herum, das dich auffängt oder wenigstens weiterzieht. Ich habe mehr Platz. Und manchmal ist Platz nicht nur schön.“

Das war einer der ersten Unterschiede zwischen uns. Nicht nur: Sie hat eine gelebte Verbindung und ich noch nicht. Sondern auch: Ihr Begehren muss sich Platz im Alltag erkämpfen. Meines findet einen großen leeren Raum vor und kann darin laut werden.


Die Geliebte ist keine Liebesgeschichte

Ich möchte bei diesem Wort nicht schummeln.

„Geliebte“ klingt schöner, als es oft ist.

Das Wort trägt Samt, Kerzenlicht und alte Romane in sich. Es klingt nach einer Frau, die zu spät gekommen ist, aber eigentlich die Richtige gewesen wäre. Nach einer Tragödie. Nach heimlichen Briefen. Nach einem Mann, der innerlich zerrissen ist zwischen Pflicht und Leidenschaft.

Das gibt es vielleicht.

Aber es ist nicht die Regel, über die ich schreiben will.

In vielen Fällen ist die Geliebte nicht die große Liebe. Sie ist die Frau, mit der ein Mann Sex hat, während sein eigentliches Leben woanders weiterläuft. Er begehrt sie. Er will sie. Er sucht ihren Körper, ihre Verfügbarkeit, ihre Andersheit, ihre Lust, vielleicht auch ihre Bewunderung. Aber er verlässt seine Partnerin nicht. Er verlässt seine Familie nicht. Er räumt sein Leben nicht um.

Und das muss man sagen dürfen.

Ohne Zuckerguss.

Daniela hat einen Teil ihrer Männer über die Arbeit kennengelernt. Nicht über Dating-Plattformen, nicht über lange romantische Anbahnungen. Es gab Männer, mit denen sie gut zusammengearbeitet hat, bei denen Spannung entstand, bei denen aus Nähe Sex wurde.

Nicht: „Da war eine unklare Resonanz.“

Sondern: Sie haben gevögelt.

Das ist keine Abwertung. Im Gegenteil. Es ist eine Entromantisierung. Erwachsene Menschen haben Sex, weil sie Sex wollen. Nicht jeder Sex ist der Anfang einer großen Liebeserzählung. Nicht jeder Körperkontakt ist ein Versprechen.

Daniela: „Ich habe Männer oft im echten Leben kennengelernt. Auf der Arbeit, über Begegnungen, über Situationen. Und wenn es gepasst hat, dann ist daraus eben auch Sex geworden.“

Sarah: „Und genau das ist der Punkt. Wir dürfen nicht so tun, als wäre jeder Mann, der eine andere Frau will, automatisch ein tragisch Liebender. Manchmal will er einfach eine andere Frau ficken.“

Das ist kein schöner Satz. Aber er ist ehrlich.

Und genau da beginnt die Moral.

Denn wenn man die Geschichte als große Liebe erzählt, wird alles weicher. Dann kann man sagen: Wir konnten ja nicht anders. Das Schicksal. Die Sehnsucht. Die zwei Seelen.

Aber wenn man nüchtern sagt: Da ist ein gebundener Mann, der außerhalb seiner Beziehung eine Frau begehrt und mit ihr schläft, dann wird es klarer. Dann ist die Frage nicht mehr, ob die Liebe alles rechtfertigt. Dann lautet die Frage: Was tun wir da eigentlich? Wem gegenüber? Mit welchen Folgen? Mit welcher Ehrlichkeit?


Daniela lebt nicht außerhalb ihres Lebens

Daniela ist nicht nur Geliebte. Sie ist Mutter. Sie ist Frau. Sie ist Arbeitnehmerin. Sie ist jemand mit Alltag, Vergangenheit, Müdigkeit, Verantwortung und eigenen Wünschen.

Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht.

Wenn über Geliebte gesprochen wird, werden Frauen oft auf die Rolle reduziert, die sie für den Mann haben. Sie ist dann „die andere Frau“. Die Nebenfigur. Die Störung. Die Versuchung. Die Gefahr. Die Heimlichkeit.

Aber Daniela ist nicht die Nebenfigur ihres eigenen Lebens.

Sie hat vier Kinder. Sie hat Verpflichtungen. Sie muss planen. Sie kann nicht immer, wenn ein Mann will. Sie kann auch nicht immer, wenn sie selbst will. Sie ist nicht frei wie eine Fantasie. Sie ist real.

Daniela: „Früher war das schwieriger. Da waren die Kinder kleiner. Heute ist es leichter, weil sie älter sind. Aber leicht ist es trotzdem nicht immer.“

Ihr jüngstes Kind ist zwölf. Ein zwölfjähriges Kind kann mit älteren Geschwistern auch einmal allein bleiben, wenn die Struktur stimmt. Aber das bedeutet nicht, dass Mutterschaft verschwindet. Es bedeutet nur, dass ein Fenster aufgeht, wo früher vielleicht keines war.

Und diese Fenster sind wichtig.

Für Begehren. Für Sex. Für das Gefühl, nicht nur Mutter zu sein. Für eine Frau, die nicht erst wieder Frau werden muss, nachdem die Kinder erwachsen sind, sondern die mitten im Muttersein begehrt, fickt, wählt, genießt, zweifelt.

Danielas Partnerperson hat eigene Kinder. Die Partnerin ihrer Partnerperson hat ebenfalls Kinder. Diese ganze Konstellation ist kein sauberer Kreis aus zwei Menschen, die heimlich einen schönen Ausnahmezustand leben. Es ist ein Geflecht.

Und in diesem Geflecht muss alles irgendwie Platz finden.

Die eigene Lust. Die Familie. Die Heimlichkeit. Die Grenzen. Die verfügbare Zeit. Der Alltag.

Sarah: „Bei dir klingt das immer wieder nach Organisation. Nicht unromantisch, aber real. Kalender, Kinder, Wege, Möglichkeiten. Bei mir ist es eher Kopfkino. Ich kann mich hinsetzen und drei Stunden denken. Du musst währenddessen wahrscheinlich irgendwas im Haushalt machen.“

Daniela: „Ja. Und manchmal ist das auch gut. Man kann nicht immer nur fühlen. Man muss auch funktionieren.“

Dieser Satz blieb bei mir hängen.

Man kann nicht immer nur fühlen.

Für mich ist das eine Zumutung und vielleicht auch eine Rettung.


Meine Schwelle: bevor überhaupt etwas passiert ist

Ich war in diesem Gespräch nicht die Frau mit der langen laufenden Affäre. Ich war die Frau, die noch nicht einmal wusste, ob es ein erstes Date geben würde.

Das klingt kleiner.

Ist es aber innerlich nicht unbedingt.

Denn manchmal beginnt eine Geschichte nicht mit einem Kuss, sondern mit einem Gedanken. Mit einer Nachricht. Mit einer Möglichkeit. Mit diesem einen Mann, der etwas in einem anschaltet, obwohl real noch fast nichts passiert ist.

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keinen Mann zu schützen, dessen Namen ich in die Welt werfen könnte. Und genau deshalb bleibt er hier namenlos. Nicht aus Geheimniskrämerei. Sondern weil er in meiner realen Geschichte noch keine so große Rolle spielte, wie er in meinem Kopf schon spielte.

Das ist ein Unterschied, den ich mir selbst zumuten muss.

Nur weil ich an jemanden denke, hat er sich nicht für mich entschieden.

Nur weil ich über ihn schreibe, gehört er nicht in meinen Text hinein.

Nur weil er mich begehrt, schuldet er mir keine Geschichte.

Sarah: „Er hat sich ja noch gar nicht wirklich für mich entschieden. Warum sollte ich ihn also in etwas einbeziehen, das vor allem in meinem Kopf stattfindet?“

Das ist vielleicht eine meiner wichtigsten Selbstkorrekturen in dieser Reihe.

Ich neige dazu, Dinge ernst zu nehmen. Sehr ernst. Manchmal früher, als sie in der Realität schon ernst sind. Ich kann aus einem Kontakt eine innere Landschaft machen. Aus einer Nachricht eine Szene. Aus einer Möglichkeit ein Kapitel.

Das ist meine Stärke als Schreibende.

Und meine Gefahr als Frau.

Daniela konnte mir an dieser Stelle etwas entgegensetzen, was nicht aus Theorie kam, sondern aus Lebenserfahrung.

Daniela: „Du musst schauen, was wirklich passiert. Nicht nur, was du daraus machen kannst.“

Das ist hart.

Aber fair.


Moral beginnt nicht erst im Bett

Wenn man über eine Geliebte spricht, landet man schnell bei der großen moralischen Frage: Darf man das?

Darf eine Frau sich bewusst auf einen gebundenen Mann einlassen?

Darf sie mit ihm schlafen, wenn sie weiß, dass es eine Partnerin gibt?

Darf sie sich nehmen, was er ihr anbietet?

Oder nimmt sie immer auch etwas von jemand anderem?

Ich glaube nicht, dass es darauf eine saubere Antwort gibt, die für alle Situationen passt. Aber ich glaube auch nicht, dass man sich mit „Das müssen die beiden unter sich klären“ vollständig herausreden kann.

Denn es sind nicht nur zwei.

Das ist der unbequeme Teil.

Da ist eine Partnerin. Vielleicht eine Ehefrau. Vielleicht jemand, die nichts weiß. Vielleicht jemand, die etwas ahnt. Vielleicht jemand, die selbst längst eigene Wege geht. Vielleicht eine Beziehung, die nach außen stabil wirkt und innen hohl ist. Vielleicht aber auch eine Beziehung, die lebendig ist, nur nicht exklusiv in dem Sinne, wie man es erwarten würde.

Wir wissen es oft nicht.

Und Nichtwissen ist moralisch bequem.

Sarah: „Wenn ich nichts Genaues weiß, kann ich mir natürlich viel erzählen. Ich kann sagen: Das ist seine Verantwortung. Ich kann sagen: Ich bin nicht diejenige, die ein Versprechen gegeben hat. Aber so einfach ist es nicht immer.“

Daniela: „Nein, einfach ist es nicht. Aber man muss auch aufpassen, dass man nicht die ganze Verantwortung für alle anderen übernimmt. Ich bin nicht seine Ehefrau. Ich bin nicht seine Partnerin. Ich bin ich.“

Das ist einer der Punkte, an denen Daniela und ich uns nah sind und trotzdem unterscheiden.

Ich denke viel über moralische Zusammenhänge nach. Vielleicht zu viel. Ich kann mich in Verantwortung hineindrehen, auch dort, wo sie nicht vollständig bei mir liegt. Gleichzeitig will ich mich nicht aus der Verantwortung stehlen, nur weil die rechtliche oder formale Bindung nicht meine ist.

Daniela wirkt an dieser Stelle praktischer.

Nicht gewissenlos. Nicht kalt. Aber weniger bereit, sich selbst zur alleinigen Hüterin einer fremden Beziehung zu machen.

Das ist wichtig.

Denn die Geliebte wird schnell zur moralischen Projektionsfläche. Sie ist dann die Verführerin, die Zerstörerin, die Frau ohne Solidarität. Der Mann dagegen wird manchmal erstaunlich schnell aus der Schusslinie genommen. Als wäre er gestolpert. Als hätte ihn jemand überfallen. Als wäre sein Penis ein bedauernswertes Opfer der Umstände.

Nein.

Ein gebundener Mann, der außerhalb seiner Beziehung Sex sucht, handelt.

Er entscheidet.

Er lügt vielleicht. Oder verschweigt. Oder vereinbart. Oder trennt innerlich. Aber er ist nicht passiv.

Und trotzdem ist die Geliebte auch nicht einfach unschuldig, nur weil sie nicht diejenige ist, die zu Hause ein Versprechen gegeben hat.

Genau in diesem Zwischenraum liegt die Moral.

Nicht als Schuldspruch.

Als Spannung.


Begehren ist ehrlich. Es ist nur nicht automatisch gut.

Ich misstraue Texten, die so tun, als sei Begehren an sich schon eine Wahrheit, der man folgen müsse.

Begehren ist wahr. Ja.

Aber nicht alles Wahre ist automatisch gut.

Ich kann jemanden wollen, den ich besser nicht wollen sollte. Ich kann von jemandem begehrt werden und mich dadurch lebendig fühlen, obwohl die Situation anderen wehtun kann. Ich kann eine Grenze sehen und trotzdem Lust darauf haben, sie zu berühren.

Das macht mich nicht automatisch schlecht.

Aber es macht mich auch nicht automatisch frei von Verantwortung.

Daniela sprach über Männer nicht, als seien sie Erlöser. Sie sprach über Männer als Männer. Als Menschen, die attraktiv sein können, kompliziert, begehrenswert, feige, klar, unklar, anziehend, manchmal nützlich, manchmal gefährlich für das eigene Gleichgewicht.

Daniela: „Manchmal ist es Sex. Manchmal ist es mehr. Manchmal weiß man es nicht sofort. Aber ich mache daraus nicht automatisch eine große Geschichte.“

Ich dagegen mache schnell große Geschichten.

Nicht weil ich lüge. Sondern weil ich Bedeutung suche.

Wenn ein Mann mich begehrt, berührt das bei mir mehr als nur Lust. Gerade jetzt. Gerade als präoperative trans Frau. Gerade in einer Zeit, in der meine genitalfeminisierende Operation näher rückt und mein Körper noch nicht das zeigt, was ich innerlich längst bin.

Das gehört zu meinem Wahrheitsrahmen.

Nicht als Hauptthema dieses Textes. Aber als Hintergrund.

Ich bin eine Frau. Ich brauche keinen Mann, um Frau zu sein. Meine Weiblichkeit hängt nicht davon ab, ob ein Mann mich begehrt, auszieht oder fickt. Aber ich wäre unehrlich, wenn ich so täte, als würde mich männliches Begehren nicht berühren.

Es berührt mich.

Besonders dann, wenn es nicht nur eine höfliche Anerkennung ist, sondern körperlich wird. Wenn ein Mann nicht nur sagt: Du bist eine Frau. Sondern wenn sein Begehren sagt: Ich will dich.

Und trotzdem muss ich erklären.

Nicht rechtfertigen.

Erklären.

Denn mein Körper entspricht im Moment nicht dem, was viele Männer bei einer Frau erwarten. Ich bin aktuell eine Frau mit Penis. Nach der Operation werde ich eine Frau mit Vagina sein. Beides macht mich nicht mehr oder weniger Frau. Aber es verändert die sexuelle Wirklichkeit.

Und ich verstehe, dass das für manche Menschen erklärungsbedürftig ist.

Ich finde es selbst nicht immer einfach. Ich weiß, dass Frauen einen Penis haben können und Männer eine Vagina. Natürlich weiß ich das. Ich werde niemandem die eigene Körperlichkeit absprechen. Aber ich weiß auch, wie stark unsere Erwartungen normiert sind. Die meisten Menschen erwarten bei einem nackten Frauenkörper eine Vagina. Die meisten Menschen erwarten bei einem nackten Männerkörper einen Penis.

Das ist nicht politisch ideal.

Aber es ist real.

Und Dating findet nicht in idealen Theoriesätzen statt, sondern zwischen Körpern.

Sarah: „Wer eine Erklärung braucht, bekommt eine Erklärung. Wer eine Rechtfertigung erwartet, kann gehen. Nicht einmal für einen One-Night-Stand würde ich mich rechtfertigen.“

Das ist meine Grenze.

Ich will fair sein. Ich will klar sein. Ich will nicht, dass ein Mann erst im Bett merkt, dass seine Erwartung und meine Realität nicht zusammenpassen.

Aber ich bewerbe mich nicht als Frau.

Ich bin eine.


Sexarbeit als Erfahrung, nicht als Einladung

Auch meine frühere Sexarbeit kam in unserem Gespräch vor.

Nicht, weil der Beitrag eigentlich über Sexarbeit handeln soll. Das hat er an anderer Stelle schon getan und wird es vielleicht wieder tun. Aber meine Vergangenheit gehört zu mir. Und sie verändert, wie ich über Sex, Männer, Begehren, Kondome, Grenzen und Erwartungen spreche.

Ich war in der Sexarbeit. Ich kenne Männer, die Sex wollen und dafür bezahlen. Ich kenne klare Absprachen. Ich kenne Preise. Ich kenne Kondompflicht. Ich kenne die Grenze zwischen professioneller Rolle und privatem Begehren.

Und deshalb reagiere ich empfindlich, wenn Männer glauben, eine ehemalige Sexarbeiterin sei privat automatisch unkompliziert verfügbar.

Nein.

Privates Begehren ist keine kostenlose Fortsetzung beruflicher Dienstleistung.

Eine ehemalige Sexarbeiterin als Geliebte zu wollen, kann bei Männern Fantasien auslösen. Erfahrung ohne Unsicherheit. Sex ohne Aufwand. Offenheit ohne Verantwortung. Eine Frau, die angeblich alles versteht, alles kann, alles nimmt, nichts kompliziert macht.

Das ist Unsinn.

Sarah: „Nur weil ich früher für Sex bezahlt wurde, heißt das nicht, dass ich privat weniger Gefühl habe. Oder weniger Grenze. Oder weniger Anspruch.“

Daniela verstand das sofort. Vielleicht, weil sie selbst sehr klar zwischen Lebensbereichen unterscheiden kann. Mutter. Frau. Geliebte. Sexuelle Person. Verantwortliche Person. Keine dieser Rollen frisst die andere vollständig auf.

Das ist ein gemeinsamer Punkt zwischen uns.

Wir wissen beide, dass Sex nicht automatisch Liebe ist.

Wir wissen beide, dass Körper sich treffen können, ohne dass daraus ein gemeinsames Leben wird.

Wir wissen beide, dass ein Mann eine Frau sehr wollen kann, ohne sie wirklich zu wählen.

Und vielleicht ist genau dieses Wissen die härteste Grundlage der ganzen Reihe.

Die Geliebte muss lernen, Begehren ernst zu nehmen, ohne es mit Entscheidung zu verwechseln.

Ein Mann, der dich fickt, hat dich nicht gewählt.

Ein Mann, der dich begehrt, hat noch nichts riskiert.

Ein Mann, der dir schreibt, hat noch keine Realität geschaffen.

Das klingt brutal.

Aber es ist besser als Selbstbetrug.


Die einseitige Liebe

Ich sagte Daniela irgendwann sinngemäß, dass ich bei vielen solcher Konstellationen eine Schieflage sehe.

Der Mann hat eine Hauptbeziehung. Vielleicht eine Ehe. Vielleicht Familie. Vielleicht ein Zuhause, in das er zurückkehrt. Die Geliebte hat oft weniger. Sie hat die Treffen, die Nachrichten, die Lücken, die heimlichen Fenster. Und wenn Gefühle wachsen, wachsen sie nicht immer auf beiden Seiten gleich.

Ich kenne mehr Frauen, die sich in einen gebundenen Mann verliebt haben, als Männer, die wegen ihrer Geliebten ihr Leben neu sortiert haben.

Das ist keine naturwissenschaftliche Aussage.

Aber es ist eine Erfahrung.

Und sie sollte ausgesprochen werden.

Sarah: „Ich glaube, viele Geliebte verlieben sich in einen Mann, den sie nicht haben können. Und der Mann nimmt die Nähe, den Sex, die Wärme, aber er geht danach wieder nach Hause.“

Daniela: „Ja. Aber man muss auch ehrlich mit sich selbst sein. Man weiß ja, dass er gebunden ist.“

Genau da liegt die Härte.

Die Geliebte weiß es.

Sie ist nicht immer Opfer. Sie ist nicht immer getäuscht. Manchmal weiß sie von Anfang an, worauf sie sich einlässt. Und trotzdem kann sie später tiefer drinstecken, als sie wollte.

Das ist kein Widerspruch.

Man kann freiwillig eine Tür öffnen und später merken, dass der Raum dahinter größer, dunkler oder enger ist als gedacht.

Man kann sagen: Ich will nur Sex.

Und irgendwann wartet man auf eine Nachricht.

Man kann sagen: Ich weiß, dass er nicht meiner ist.

Und irgendwann tut genau das weh.

Man kann sagen: Ich bin erwachsen, ich kann das trennen.

Und irgendwann merkt man, dass der Körper längst nicht mehr allein gekommen ist. Das Herz sitzt daneben und stellt Fragen.

Das ist die Gefahr der Geliebtenrolle.

Nicht, dass immer Liebe entsteht.

Sondern dass sie einseitig entstehen kann.


Daniela und ich denken nicht gleich

Ich wollte diesen Beitrag nicht schreiben, um Daniela als Spiegel meiner eigenen Meinung zu benutzen.

Wir sind unterschiedlich.

Daniela lebt aktiver im Leben. Sie hat Kinder, Arbeit, gewachsene Strukturen, praktische Begrenzungen. Sie scheint manche Dinge direkter zu nehmen, vielleicht auch weniger literarisch. Nicht weniger tief. Aber anders.

Ich dagegen schreibe mich in Dinge hinein. Ich mache aus Erlebnissen Sprache, aus Sprache Bedeutung, aus Bedeutung manchmal ein inneres Haus, bevor draußen überhaupt der Schlüssel steckt.

Daniela kann sagen: Das ist mein Leben, so ist es, es ist nicht immer leicht, aber ich lebe es.

Ich frage schneller: Was bedeutet das? Was macht das mit mir? Was sagt das über Moral, Weiblichkeit, Begehren und Zukunft?

Beides hat Wahrheit.

Und beides hat Gefahr.

Danielas Gefahr könnte sein, dass Funktionieren zu viel überdeckt. Wenn der Alltag stark genug ist, kann man Schmerz vielleicht wegorganisieren, aber nicht unbedingt verarbeiten.

Meine Gefahr ist das Gegenteil: Ich kann Schmerz verarbeiten, bevor er überhaupt eingetreten ist. Ich kann eine Möglichkeit so lange betrachten, bis sie sich anfühlt wie eine verlorene Beziehung.

Sarah: „Wenn bei dir etwas endet, musst du wahrscheinlich trotzdem weiter funktionieren. Wenn bei mir etwas endet, kann ich drei Wochen lang daran herumdenken, bis es größer ist als das, was eigentlich passiert ist.“

Daniela: „Vielleicht. Aber funktionieren heißt nicht, dass es nicht weh tut.“

Das stimmt.

Und vielleicht ist das einer der Punkte, an denen wir uns am stärksten berühren.

Wir haben unterschiedliche Leben, aber Schmerz sucht sich überall seinen Weg.


Was kostet diese Rolle?

Eine meiner Leitfragen für das Gespräch war: Was kostet dich diese Verbindung?

Nicht nur organisatorisch. Nicht nur: Wann kannst du weg? Wann kannst du ihn sehen? Wie passt das mit den Kindern?

Sondern innerlich.

Was kostet es, eine Frau zu sein, die nicht die Hauptperson im Leben eines Mannes ist?

Was kostet es, zu wissen, dass es Grenzen gibt, die nicht aus fehlendem Begehren entstehen, sondern aus seinem anderen Leben?

Was kostet es, wenn man nicht alles fragen kann, nicht alles erwarten kann, nicht überall auftauchen darf?

Danielas Antwort war nicht pathetisch. Sie machte daraus kein großes Opferlied. Vielleicht gerade deshalb wirkte sie ernst.

Daniela: „Man muss wissen, was man tut. Und man muss wissen, was man nicht bekommt.“

Das ist ein nüchterner Satz.

Und ein grausamer.

Denn genau daran scheitern viele Geliebtenrollen: nicht am Sex, sondern an der Rechnung danach.

Am Anfang denkt man vielleicht: Ich bekomme Begehren. Ich bekomme Aufmerksamkeit. Ich bekomme einen Mann, der mich will. Ich bekomme etwas, das in meinem Leben gefehlt hat.

Aber später merkt man vielleicht: Ich bekomme nicht den Sonntagmorgen. Ich bekomme nicht die Selbstverständlichkeit. Ich bekomme nicht den Platz neben ihm, wenn es offiziell wird. Ich bekomme nicht unbedingt Weihnachten, Krankheit, Alltag, Familie, Zukunft.

Vielleicht will man all das gar nicht.

Vielleicht sagt man das jedenfalls am Anfang.

Aber der Körper ist manchmal schneller als die Selbstbeschreibung. Und Gefühle halten sich nicht immer an Verträge, die man mit sich selbst geschlossen hat.

Sarah: „Ich glaube, man muss sehr ehrlich prüfen, ob man wirklich nur das will, was angeboten wird. Nicht das, was man hofft, später vielleicht doch noch zu bekommen.“

Das ist der Punkt, an dem Moral und Selbstschutz sich berühren.

Moral fragt: Was tue ich anderen an?

Selbstschutz fragt: Was tue ich mir selbst an?

Die Geliebte muss beides fragen.


Keine Absolution, kein Tribunal

Ich wollte nach dem Gespräch keinen Text schreiben, der Daniela freispricht.

Ich wollte aber auch keinen Text schreiben, der sie verurteilt.

Beides wäre zu einfach.

Ein Tribunal ist bequem, weil man sich dann selbst auf die richtige Seite stellen kann. Man zeigt auf die andere Frau und sagt: So bin ich nicht. So etwas würde ich nie tun. So etwas darf man nicht.

Absolution ist genauso bequem. Dann sagt man: Liebe und Begehren sind eben kompliziert, niemand kann etwas dafür, alle folgen nur ihrem Herzen oder ihrem Körper.

Nein.

Menschen können etwas dafür.

Nicht für jedes Gefühl. Aber für Handlungen.

Für Nachrichten. Für Treffen. Für Lügen. Für Verschweigen. Für das bewusste Betreten einer Situation, in der andere Menschen mitbetroffen sind.

Und trotzdem ist Moral nicht immer ein Hammer.

Manchmal ist sie ein Raum, in dem man sitzen bleiben muss.

Daniela und ich saßen in diesem Raum.

Nicht als Richterin und Angeklagte.

Sondern als zwei Frauen, die wissen, dass Begehren nicht sauber ist.

Daniela: „Ich kann nur für mich sagen, wie ich damit umgehe. Ich kann nicht das ganze Leben von anderen Menschen lösen.“

Sarah: „Und ich kann nicht so tun, als hätte das alles nichts mit anderen Menschen zu tun, nur weil ich vielleicht nicht diejenige bin, die zu Hause lügt.“

Zwischen diesen beiden Sätzen liegt fast der ganze Beitrag.


Die Partnerinnen bleiben unsichtbar und sind trotzdem da

In unserem Gespräch nannten wir die Männer nicht namentlich. Und in diesem Text bleiben sie namenlos.

Aber es gibt noch andere Unsichtbare: die Partnerinnen.

Die Frauen, die zu Hause sind. Oder nicht zu Hause. Die etwas wissen. Oder nichts wissen. Die vielleicht selbst längst ihre eigenen Geschichten haben. Oder treu sind. Oder müde. Oder ahnungslos. Oder beteiligt an einer stillschweigenden Ordnung, über die niemand laut spricht.

Ich kenne sie nicht.

Daniela kennt die eine Situation besser als ich, aber auch sie kennt nicht jede Wahrheit aus dem Inneren einer anderen Beziehung.

Das macht die Sache nicht einfacher.

Gerade weil die Partnerinnen unsichtbar bleiben, kann man sie leicht aus dem Denken schieben. Man spricht über den Mann, über sein Begehren, über die Treffen, über die eigene Sehnsucht. Die andere Frau wird zur Randfigur.

Aber moralisch ist sie nicht Rand.

Sie ist Teil der Wirklichkeit.

Das heißt nicht, dass die Geliebte automatisch die Schuldige ist. Aber es heißt, dass eine Geliebte nicht glaubwürdig über Moral sprechen kann, wenn sie die andere Frau vollständig ausblendet.

Sarah: „Ich muss die andere Frau nicht kennen, um zu wissen, dass es sie gibt.“

Dieser Satz ist unbequem.

Für mich selbst am meisten.

Denn wenn ich einen Mann begehre, will ich nicht an seine Partnerin denken. Natürlich nicht. Wer will das schon? Ich will an seine Hände denken, an seine Stimme, an den Moment, in dem er mich ansieht. Ich will nicht den Grundriss seines Zuhauses vor Augen haben.

Aber Moral beginnt genau dort, wo die bequeme Vorstellung endet.


Und was ist mit Lust?

Bei all der Moral darf etwas nicht verschwinden: Lust.

Es wäre verlogen, über die Geliebte zu schreiben, als ginge es nur um Gewissen. Es geht auch um Körper. Um Spannung. Um den Wunsch, genommen zu werden oder zu nehmen. Um Nachrichten, die heiß machen. Um die Vorstellung, begehrt zu werden, obwohl man nicht die offizielle Frau ist. Vielleicht sogar, weil man es nicht ist.

Das ist nicht edel.

Aber es ist real.

Die Geliebte ist nicht nur eine moralische Figur. Sie ist auch eine sexuelle Figur.

Sie will.

Sie wartet nicht nur passiv darauf, dass ein Mann sie auswählt. Sie wählt auch. Sie begehrt. Sie entscheidet, ob sie die Tür öffnet, ob sie die Nachricht beantwortet, ob sie sich trifft, ob sie sich auszieht, ob sie fickt.

Das ist wichtig, weil Frauen in solchen Geschichten oft entweder als Opfer oder als Täterinnen erzählt werden. Aber dazwischen liegt sehr viel mehr.

Eine Frau kann wissen, was sie tut, und sich trotzdem verletzen.

Sie kann Lust haben und trotzdem moralisch zweifeln.

Sie kann sich nehmen, was sie will, und später merken, dass sie mehr gegeben hat, als sie geplant hatte.

Daniela: „Ich bin ja nicht nur Mutter oder irgendwas im Alltag. Ich bin auch eine Frau. Ich habe auch Lust.“

Sarah: „Genau. Und ich glaube, das wird Frauen oft nicht zugestanden. Als ob weibliche Lust immer erst moralisch sauber sein müsste, bevor sie ausgesprochen werden darf.“

Nein.

Weibliche Lust darf ausgesprochen werden.

Auch dann, wenn sie unbequem ist.

Gerade dann.


BDSM als Rand, nicht als Mittelpunkt

Daniela und ich kommen beide aus BDSM-nahen Welten. Aber das war in diesem Gespräch nicht der Kern.

Sie ist stärker im sadomasochistischen Bereich unterwegs. Dabei geht es, grob gesagt, eher um Lust an Schmerz, Intensität, körperlichen Reizen, Zufügung und Ertragen. Ich bewege mich stärker in dominant-submissiven Dynamiken. Dabei steht Machtgefälle im Vordergrund: Führen und Folgen, Kontrolle und Hingabe, Erlaubnis und Aufgabe.

Natürlich berühren sich diese Welten.

Aber sie sind nicht identisch.

Für diesen Beitrag ist das eher ein Hintergrundrauschen. Es erklärt vielleicht, warum wir beide über Grenzen, Rollen, Macht und Körperlichkeit direkter sprechen können als viele andere. Aber es erklärt nicht automatisch die Geliebtenrolle.

Eine Affäre wird nicht moralisch harmloser, nur weil Beteiligte BDSM können.

Konsens, also bewusste Zustimmung, ist im BDSM zentral. Aber bei einer Nebenbeziehung ist die schwierige Frage oft: Wer hat wozu zugestimmt? Nur die zwei, die sich treffen? Oder auch die Menschen, deren Leben davon berührt wird?

Das ist eine andere Ebene.

Und diese Ebene bleibt schwierig.

Sarah: „Nur weil ich in einer Welt lebe, in der über Grenzen gesprochen wird, heißt das nicht, dass plötzlich alle Grenzen geklärt sind.“

BDSM kann Sprache für Macht geben.

Aber er löst die Moral nicht auf.


Was Daniela mir sagen konnte

Wenn ich Daniela auf die Frau vor dem ersten Date herunterbreche, dann könnte ihre Botschaft ungefähr so lauten:

Mach dir nichts vor.

Nicht über ihn.

Nicht über dich.

Nicht über das, was angeboten wird.

Wenn ein gebundener Mann Sex will, dann ist das erst einmal genau das: ein gebundener Mann will Sex. Vielleicht will er mehr. Vielleicht glaubt er, mehr zu wollen. Vielleicht entsteht mehr. Aber du solltest nicht von Anfang an die Lücke zwischen seinen Worten und seinem Leben mit deinen Hoffnungen füllen.

Daniela: „Du musst wissen, was du willst. Und du musst schauen, was wirklich da ist.“

Das klingt einfach.

Es ist aber schwer.

Denn wenn man begehrt wird, will man glauben. Nicht unbedingt an die große Liebe. Aber an die eigene Besonderheit. An den Gedanken: Bei mir ist es anders. Ich bin nicht irgendeine. Ich bin nicht nur die Nebenfrau. Ich bin nicht nur Sex.

Vielleicht stimmt das sogar.

Vielleicht ist man nicht nur Sex.

Aber man muss trotzdem fragen: Was folgt daraus?

Folgt daraus ein Treffen?

Folgt daraus Regelmäßigkeit?

Folgt daraus Ehrlichkeit?

Folgt daraus Risiko?

Folgt daraus, dass er etwas in seinem Leben verändert?

Oder folgt daraus nur, dass er wiederkommt, wenn er Lust hat?

Das ist nicht zynisch.

Das ist Selbstschutz.


Was ich Daniela sagen konnte

Ich glaube, ich konnte Daniela im Gegenzug etwas anderes spiegeln.

Nicht aus Erfahrung mit einer laufenden Affäre. Die habe ich so nicht. Aber aus meiner Art, Dinge ernst zu nehmen.

Ich konnte ihr vielleicht zeigen, dass eine Geliebtenrolle nicht dadurch harmlos wird, dass sie funktioniert. Nur weil etwas über Jahre seinen Platz gefunden hat, heißt das nicht, dass es moralisch erledigt ist. Nur weil alle Beteiligten irgendwie weiterleben, heißt das nicht, dass keine Spannung mehr da ist.

Ich konnte fragen, wo sie selbst bleibt.

Nicht als Mutter. Nicht als Organisatorin. Nicht als Frau, die weiß, wie sie Dinge trennt.

Sondern als fühlender Mensch.

Sarah: „Was kostet dich das eigentlich? Nicht praktisch. Innerlich.“

Diese Frage bleibt für mich zentral.

Vielleicht nicht nur für Daniela.

Vielleicht für jede Geliebte.

Was kostet es dich, begehrt zu werden, aber nicht gewählt?

Was kostet es dich, eine Rolle zu haben, aber keinen Platz?

Was kostet es dich, wenn du stark genug bist, das alles zu leben, aber vielleicht nicht weich genug mit dir selbst, um zuzugeben, dass es weh tut?

Ich weiß nicht, ob Daniela diese Frage abschließend beantworten wollte oder konnte.

Vielleicht muss sie das auch nicht.

Manche Fragen sind nicht dazu da, im Interview ordentlich geschlossen zu werden. Sie sind dazu da, im Text offen zu bleiben.


Die Geliebte und die Moral

Nach diesem Gespräch glaube ich noch weniger an einfache Antworten.

Aber ich glaube stärker an klare Sprache.

Eine Geliebte ist nicht automatisch eine große Liebe.

Ein gebundener Mann ist nicht automatisch ein tragischer Held.

Sex ist nicht automatisch ein Versprechen.

Begehren ist nicht automatisch Entscheidung.

Und Moral ist nicht automatisch Prüderie.

Moral ist die Frage, wie wir mit dem umgehen, was unser Begehren bei anderen Menschen auslöst. Und bei uns selbst.

Daniela und ich saßen in diesem Gespräch an zwei verschiedenen Stellen. Sie in einer gelebten Wirklichkeit. Ich an einer Schwelle. Sie mit Kindern, Alltag, einer langen laufenden Verbindung und weiteren Erfahrungen. Ich mit meinem Kopfkino, meiner bevorstehenden Operation, meiner Geschichte, meiner Lust, meiner Vorsicht und meinem Wunsch, nicht belogen zu werden und mich selbst nicht zu belügen.

Wir waren uns nicht in allem gleich.

Das war gut.

Denn ein Gespräch, in dem alle dasselbe sagen, bringt selten Erkenntnis.

Was ich aus unserem Gespräch mitnehme, ist kein Rat im Sinne von: Tu es oder tu es nicht.

Ich nehme eher eine Zumutung mit.

Wenn ich die Rolle der Geliebten denke, muss ich sie ganz denken.

Mit Lust.

Mit Sex.

Mit Ficken.

Mit moralischer Ambivalenz.

Mit der anderen Frau, auch wenn sie unsichtbar bleibt.

Mit der Gefahr einseitiger Liebe.

Mit der Möglichkeit, begehrt zu werden und trotzdem nicht gemeint zu sein.

Mit der Härte, dass ein Mann eine Frau sehr wollen kann, ohne sein Leben für sie zu öffnen.

Und mit der Verantwortung, mir selbst nichts vorzumachen.

Vielleicht ist genau das die erste Moral der Geliebten:

Nicht sauber sein.

Nicht unschuldig sein.

Nicht immer richtig handeln.

Sondern wenigstens ehrlich genug sein, die eigene Geschichte nicht schöner zu erzählen, als sie ist.

Daniela lebt ihre Geschichte bereits.

Ich weiß noch nicht, ob meine überhaupt beginnt.

Aber nach diesem Gespräch weiß ich eines klarer:

Wenn sie beginnt, dann nicht als Märchen.

Sondern als Wirklichkeit.

Und Wirklichkeit hat selten weiße Handschuhe an.


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